— Renato Kaiser

Jahresrückblick im Journal B

Mein 2015 – Ein schlechter Witz

Als Spoken-Word-Künstler und Kabarettist fragte man sich in diesem Jahr zuweilen, ob einem die Politiker dieses Landes den Job streitig machen wollten. Doch so richtig zum Lachen haben sie einem nicht gebracht. Aber zum Nachdenken.

Dass die Grenzen zwischen Politik und Satire fliessend sind, ist nicht neu. Wenn zum Beispiel ein Politiker einerseits dafür plädiert, Flüchtlingen vor Ort besser zu helfen und andererseits für mehr Waffenexporte wirbt. Oder wenn der Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger von der CVP per Stichentscheid dafür sorgt, dass die Schweiz künftig auch Waffen in Länder exportieren darf, die Menschrechte verletzen. Und wenn er diesen Entscheid dann damit begründet, dass die Schweiz sonst im internationalen Rüstungswettbewerb nicht mehr konkurrenzfähig sei. Frei nach Jesus Christus: Liebe Deinen Nächsten, ausser Dein Ruf als Waffenlieferant steht auf dem Spiel. Da fragt man sich als Satiriker schon: Was sollen wir da noch machen? Die Politiker nehmen uns die Arbeitsplätze weg! Wir Satiriker sind sonst nicht mehr konkurrenzfähig!
In diesem Jahr jedoch haben einige Politiker, abgesehen von der Realsatire, die bewusste Satire für sich entdeckt. Zumindest das, was sie dafür halten: Christoph Mörgeli postete ein Bild, auf dem ein Schiff vor Flüchtlingen nur so überquillt mit der Überschrift: «Die Fachkräfte kommen!» Thomas Aeschi nippte im berühmt berüchtigten «Welcome to SVP»-Video am Zuger Kirsch und knallte mit launiger Volkstheatergrimasse neben einem Fläschchen mit K.O.-Tropfen auf die Tischplatte. Und Andreas Glarner veröffentlichte auf Facebook eine Annonce, auf der stand: «Gesucht: Gebrauchte aber noch intakte Koffer/Reisetaschen, Rucksäckli, Kinderschuhe (…) für Asylanten-Unterkunft», wobei «Asylanten-Unterkunft» und «Koffer/Reisetaschen» gelb hervorgehoben waren und darüber stand sein Kommentar: «Es besteht Hoffnung.» Es zeugt schon von einer besonderen Definition von Satire, wenn man so einen Kommentar wenige Zeilen über dem Wort «Kinderschuhe» positioniert.
«Satire darf alles!» sagen sie dann. Und ich sage: Ja. Stimmt. Aber nicht jeder darf Satire. Oder anders gesagt: Satire darf kein Freibrief dafür sein, sich wie ein blöder Wichser zu verhalten. Und dann wird man humorlos geschimpft. Dabei braucht es eben gerade Sinn für Humor, um einen schlechten Witz zu erkennen.