— Renato Kaiser

Text zu Weihnachten

Mit Rumpunsch im Nacken

Irgendwann Ende September, ich spazierte durch Bern, kam ich an einem jungen Pärchen vorbei. Die beiden standen vor einem Schaufenster, das bereits zu der Zeit voller Weihnachtsschmuck hing. Die Frau stupste ihren Partner an, schaute ihm mit starrem Blick in die Augen, zeigte auf das Schaufenster und sagte: „Ich bi fassigslos!“

Fassungslos? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Das dachte sich wahrscheinlich auch ihr Partner ganz kurz, bis ihr entsetzter Blick wieder auf ihn fiel und er hastig erwiderte: „Jo voll. I au.“ Ein kurzer Dialog, der vielleicht so etwas wie ein Vorgeschmack auf deren gemeinsame Weihnachtsfeier war.

„Hey los zue Schatz, hey Schatz, los, hörsch jetz uf Play Station spiele, Schatz? Also los, i ha ä super Idee, mir schmücked üsn Baum sicher nöd mit Lametta und Glitzer und Chuglä und all dem Mainstreamzüüx wo üs das kapitalistische Kommerzsystem ufzwingt! Üsen Chrischtbaumschmuck baschtlemer selber! Als Wienachtschuglä nememer Tomatä und henkeds mit Schnittlauch an Baum, anschatt Lametta henkemer Rüeblischalä ad Äscht und uf dä Schptitz tömmer dä Betlehemsstern, aber useme Chürbis gschnitzt. Da gseet super uus, isch bio und als Wienachtsesse hemmer denn durch das grad au ä faini Suppä! Da fändi toll!“

„Jo voll. I au.”

Aber zurück zum Thema. Die junge Frau war also fassungslos. FASSUNGSLOS!

Natürlich gebe ich ihr Recht. Natürlich ist es absurd, wenn im September der Weihnachtsschmuck in der Spätsommersonne glitzert. Natürlich ist es absurd, wenn die Restbestände der alten Oster-Schoggihasen beinahe über Nacht in Schoggi-Weihnachtsmänner umgeformt und wieder ins Regal gestellt werden. Natürlich ist es absurd, wenn schon ab Oktober jede zweite Fernsehwerbung eine Parfumwerbung ist, die uns blindlings in die nächste Parfumerie rennen lässt, nur um dort zu merken, dass es viel zu teuer ist, worauf wir dann in den nächsten Billigladen stolpern und unseren Vätern das gleiche prollige Harley-Davidson-Parfüm-Duschgel-Aftershave-Set wie jedes Jahr schenken.

Natürlich ist das absurd. Aber das macht mich nicht fassungslos. Um darüber die Fassung zu verlieren, müsste man ja überrascht sein. Und warum sollte ich überrascht sein?

In der Bahnhofshalle des Zürcher Hauptbahnhofs steht schon seit Wochen ein Christkindlmarkt. Es ist unmöglich, vom Zug bis zum Tram zu gelangen ohne dass irgendetwas an einem kleben bleibt. Nachdem ich mich das letzte Mal durch die glühweingesottene Menschenmenge gekämpft hatte, stand ich schlussendlich da, auf der anderen Seite der Bahnhofshalle, abgekämpft, verschwitzt und mit dem toten Blick eines Pendlers. Mit einer Zuckerwatte am Bein, einem Rumpunsch im Nacken, einem Lebkuchenherz im Mund und einem Kleinkind im Arm, das ebenso erstaunt dreinschaute wie ich, aber gleichzeitig verzweifelt nach den gebrannten Mandeln griff, die an meiner Backe klebten. Aber machte mich das alles fassungslos? Nein! Überrascht, dass sich der Christkindlmarkt in der Zürcher Bahnhofshalle solch einer grossen Beliebtheit erfreut? Keineswegs! Denn: Wer jeden seiner Kindergeburtstage bei McDonalds gefeiert hat, geht nunmal auch zum Weihnachtsmarkt in den Zürcher Hauptbahnhof.

Ich liess mich also nicht aus der Fassung bringen, sammelte all die Fressalien an meiner Kleidung ein und gab sie seinem Obdachlosen. Das Kleinkind ebenfalls, denn ich dachte: Wenn die Eltern schon meinen, ihr Kind sollte die Adventszeit in Bahnhofshallen verbringen, warum also nicht gleich das ganze Jahr.

Apropos das ganze Jahr. Warum sollte ich eigentlich genau jetzt, zur Weihnachtszeit, von all dem überrascht sein?

Schauen wir uns doch einmal das gesamte vergangene Jahr an:

Am Valentinstag haben wir uns wieder einmal mit Hello-Kitty-Liebes-Gruss-Karten und rosaroten Glitzerluftballons in Herzform attackiert. Nach der Fasnacht hatten wir wie jedes Jahr noch monatelang die Guggenmusikversion von „It’s My Life“ von Jon Bon Jovi in den Ohren – und Konfetti in allen möglichen anderen Körperöffnungen. Im Sommer zur Fussballweltmeisterschaft liessen wir uns auf Public-Viewing-Plätzen zusammentreiben, weil überteuertes Bier offensichtlich immer noch am Besten schmeckt, wenn es im Plastikpbecher serviert wird – und weil das Fussballschauen einfach doppelt so viel Spass macht, wenn man es durch die Achselhöhle eines anderen tut.

Und nach all dem, nach all den OLMAS, den Herbstmessen, dem Halloween, nach all diesen menschenverachtenden Veranstaltungen, die wir während des Jahres mehr oder weniger freiwillig über uns ergehen liessen, nach all dem kann es uns doch nicht mehr fassungslos machen, dass nicht der Weihnachtsmann oder das Christkind das Weihnachtsfest einläuten, sondern eben der funkelnde Lastwagen von Coca Cola. Denn wir wissen ja: Nichts wärmt einen in einer kalten Dezembernacht besser, als ein schönes Glas eisgekühlte Cola.

Das alles mag zynisch klingen. Und: Die Welt, in der wir leben, ist nunmal zynisch. Die Welt, in der wir leben ist eben auch genau so zynisch wie ein Satz, der beginnt mit „Die Welt, in der wir leben”. Denn: Wer sind wir schon, bzw. wer sind schon wir. Wo hört “unsere Welt” auf und wo fängt “deren” Welt an.

Damit will ich sagen: Die Art und Weise, wie Menschen Weihnachten feiern, mag dumm erscheinen. Sich darüber aufzuregen, wie andere Menschen Weihnachten feiern ist hingegen ganz zweifellos dumm.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen schöne Festtage. Feiern Sie Ihre Weihnachten, wie es Ihnen beliebt – Sie werden mich nicht aus der Fassung bringen.