— Renato Kaiser

Thunkolumne 3: Wallis und St. Gallen – dialektal diametral

Wallis und St. Gallen – dialektal diametral

Die Lombardei will Teil der Schweiz werden. Diese Meldung aus unserem südlichen Nachbarland hat für Aufruhr gesorgt. Den Wallisern ringt dies nur ein müdes Lächeln ab, wollen sie doch mit der Schweiz so wenig wie möglich zu tun haben. Nicht umsonst gibt es für sie das Wallis einerseits und andererseits die »Üsserschwyz« – den Rest der Schweiz. Wahrscheinlich im Auftrag der Völkerständigung hat nun die Künstlerbörse den zermattigsten unter den Schweizer Kanton als Gast eingeladen. Schon letztes Jahr haben die Verantwortlichen des KTV diesen Drang zur Einbindung von Schweizer Randgesellschaften an den Tag gelegt, als sie St. Gallen als Gastkanton eingeladen haben. Damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Kantonen aber vorerst auf, liegt doch St. Gallen und das Wallis weit auseinander. Und dies nicht nur geographisch sondern vielmehr, was die Sprache betrifft. Das exotische Mysterium, das den Mund eines Wallisers verlässt, wird zwar von kaum einem Schweizer auf Anhieb verstanden, der melodiöse Singsang wird gleichzeitig aber als wohlkingend empfunden. Den St. Galler hingegen versteht jeder Schweizer ohne Probleme, dafür mag fast keiner dessen eckig-nasalen Hochgeschwindigkeitssalven, die er oft mit einem »Tschüsstschauuutschüsstschüss« oder einem spitzen »gell« abschliesst. Der St. Galler und der Walliser stehen sich dialektal diametral gegenüber. Mit dem exotischen Singsang vorhin war übrigens keineswegs französisch gemeint. Denn ja – um Gottes Willen – diese Sprache wird da auch noch gesprochen! Sie sehen: Gründe für Isolation sind gegeben.

Dieses Wochenende jedoch wurde heftig integriert. Sowohl auf französisch als auch walliserdytsch besangen, betanzten und bespielten die Walliser Künstler das begeisterte Publikum. Den Start machte der Kabarettist Yann Lambiel an der PreisGala am Donnerstag mit gelungenen Imitationen der bekanntesten Walliser Verbrecher (Joseph Blatter, Oskar Freysinger, u.a.). Freitag und Samstag bewiesen dreissig weitere Künstler aus Kabarett, Literatur, Tanz und Theater dass das Wallis nicht nicht nur in der Fleischtradition vielfältig ist. Für einen der Höhepunkte sorgte der Autor Rolf Hermann, der mithilfe von zwei »Üsserschwyzer« (Matto Kämpf aus Thun und der Bieler Achim Parterre) Alpen-Hardcore-Mundart-Poesie zum Besten gab. Wer also eine literarische Einlage für seine nächste Beerdigung sucht (O-Ton Kämpf) wird an den »Gebirgspoeten« nicht vorbeikommen.
Doch von Beerdigung soll hier weiter keine Rede sein. An der Künstlerbörse ging es äussert lebhaft zu und her, auf den Bühnen einer- und in der Late-Night-Bar andererseits. Allerspätestens da fanden auch wirklich alle Walliser und Üsserschwyzer zueinander. Ob dies am integrativen Gedanken der Künstlerbörse lag oder daran, dass ab einem gewissen Alkoholpegel jeder Dialekt irgendwie exotisch und/oder französisch klingt, wusste am Morgen danach keiner mehr so ge