— Renato Kaiser

Thunkolumne 1: Ich bin der Chronist

Spannung lag in der Luft. Es sollte ein bedeutsamer Abend werden. Sein oder Nichtsein. Sieg oder Niederlage. Borussia Dortmund oder der FC Bayern München! So dachte ich auf jeden Fall, bis ich gemerkt habe, dass ich im KKThun sitze und Chronist der diesjährigen Künstlerbörse bin. Das war natürlich ein Schock. Da will man sich das wichtigste Spiel der laufenden Bundesligasaison anschauen und dann sowas! Warum ich mich überhaupt für deutschen Fussball interessiere und nicht für den aus der Schweiz? Nun, also erstens: Ich komme aus St. Gallen. Und zweitens… Na ja, das war’s eigentlich schon.
Um über den Schreck hinwegzukommen, begab ich mich zum Apéro, der vom Gastkanton Wallis offeriert wurde. Mit jedem Gläschen Rotwein und jeder Scheibe Speck mehr verflog mein anfänglicher Unmut und ich begann mich unters Volk zu mischen. Auch meine anfängliche Unterwürfigkeit gegenüber den illustren Gästen aus Kultur und Politik wich einer weingesottenen Forschheit. Während ich anfangs noch zaghaft sagte, dass ich hier vier Tage lang zuschauen, essen und trinken und darüber schreiben würde, tönte ich später: »Ich bin der Chronist!« Nach ein zwei weiteren Gläsern Wein sagte ich das auch, ohne direkt gefragt zu werden. In eine Gruppe hineinzuplatzen und forsch »Ich bin der Chronist!«, zu röhren und gleich wieder zu verschwinden, hinterliess auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. Die Betroffenen erstarrten vor Ehrfurcht. Oder Angst. Ein guter Walliser Apéro verhilft nun mal zu einer breiten Brust. Da stimmte mir auch der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz indirekt zu, indem er die Walliser unter anderem mit folgendem Satz offiziell begrüsste: »Eine der Kernkompetenzen der Walliser ist das Servieren von Apéro!« Ich prostete und stimmte ihm zu.
Nun ging’s aber zum Hauptteil des Abends, der KleinKunstGala im Schadausaal. Statt »Wurscht und Bier und Fuessball« halt »Wii und Trochufleisch und Kultur«. In der ersten Hälfte spielte der Träger des Schweizer KleinKunstPreises 2012 Pippo Pollina gross auf und liess mich durch seine bewegende Musik jeden Gedanken an Fussball vergessen. Als er mit Werner Schmidbauer einen Bayern vorstellte, blieb mir jedoch nichts anderes übrig als den Zwischenstand nachzuschauen. Null zu null. Die Show konnte weitergehen. Die beiden Südländer (der eine Italiener, der andere Bayer) hatten die Partie fest im Griff, zeigten sich kombinationsfreudig und verspielt, und nichtsdestotrotz mit dem einen oder anderen intelligenten Pass in die Tiefe. Von Catenaccio konnte keine Rede sein.
Nach der Pause war Massimo Furlan, der Träger des diesjährigen Schweizer InnovationsPreises, an der Reihe. Ich muss zugeben: Zuerst hat sich mir von seiner experimentellen Tanz- und Theaterkunst nicht viel erschlossen. Als er dann aber in einem rotblauen Superheldenkostüm auftrat, mit einem Ball unterm Arm, dämmerte es mir langsam. Und spätestens als ein weiterer Superheld, schwarzgelb gekleidet (!) die Bühne betrat, dem Rotblauen den Ball und ein Sandwich entriss und nicht mehr zurückgab, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ein Blick auf mein Handy nach der Gala bestätigte meinen Verdacht: Eins zu Null für den BVB! Im Duell der Fussballsupergiganten kriegt der Schwarzgelbe »dä Füfer und s’Weggli«, bzw. den Sieg und das Sandwich, und der Rotblaue streckt sich vergebens nach dem Ball. Just in dem Moment erinnerte ich mich an die Pressekonferenz vor der Partie, äh, der Gala. Massimo Furlan wurde dort als zukunftsgerichtet beschrieben. Ich hatte zu jenem Zeitpunkt keine Ahnung, wie sehr das stimmt! Er ist ein Seher. Ein Prophet. Und Fussball und Kultur ist doch nicht so weit auseinander, wie man immer denkt.
Und wenn Sie nun meinen, das sei arg weit hergeholt und zu nonchalant, ist mir das einerlei. Denn, wie Sie wissen ja: Ich bin der Chronist!