— Renato Kaiser

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„Oh!

My!

Wow!“

Steht da geschrieben, als Animation in grossen 3D-Computer-Buchstaben, wie es ein Sekschüler in seiner Powerpoint-Präsentation über die Französische Revolution nicht gelungener hätte darstellen können. Oh, my, Wow! heisst also das Motto der 5. Swiss Music Awards. Oh my Wow! Und die Wörter drehen sich sogar! Verrückt! Man sieht: Der Abend steht für pure Begeisterung. „Oh!“ Soll es den Zuschauer erfassen, „my“, soll er weiterstammeln und bevor er einigermassen säkularisiert aber doch noch restchristlich „God!“ anfügen kann, spontan von einem „Wow“ erschüttert werden! Scheiss auf Gott, wir wollen wow! Das SF gegen den Vatikan, eine politische Botschaft gleich zum Anfang. Nun denn, die Show kann beginnen. Ich sitze erwartungsgeil und ein klein wenig betrunken vor dem Fernseher und sehe, wie die gutaussehende SF-Verlegenheitslösung Melanie Winiger und der eigentlich sympathische Radiomoderator Mario Torriani die Bühne betreten. „Gueten Obig Schwiez!“ sagt Winiger und schaut erwartungsvoll zu Torriani. Dieser verpasst seinen Einsatz und lächelt nervös, aber niedlich. Winiger übernimmt seinen Einsatz und sagt „Bienvenue, Benvenuti, Bainveni und was es süs no für Sproche git idä Schwiez –“ „Grüess sech“ platzt ihr Torriani ins Wort und zeigt eindrucksvoll, dass auch er eine Sprache beherrscht – das Berndeutsch. Der Ostschweizer in mir zuckt heftig zusammen.
Im Anschluss konzentriert sich der heftig bemühte Torriani darauf, seine Ansagen dann zu machen, wenn das Publikum klatscht, sodass man nichts von seinem Part versteht, bis der Applaus abebbt und man von Torriani als letzte Worte noch hört: „Wow!“ und „Hey!“ Mario Torriani hat das Motto des Abends inhaltlich verstanden. Dann schaut er in die erste Reihe und sagt „Üsi Nominierte idä vorderschte Reihe. Heieiei! Die einti oder anderi Seel dörfti ächli zittere“, sagt Torriani mit ehrlichem Mitgefühl und mit der Hoffnung, dass er nicht die einzige zitternde Seele im Saal sei. Und nun folgt der wohl denkwürdigste und schmerzhafteste Moment des Abends. Mario Torriani sagt: „I wör sägä, die hei au scho mou üse maximum Respect verdient!“ Und um diesem Begriff seinerseits den maximalen Respekt zu erweisen, ballt Torriani seine recht Hand zur Faust, klopft sich auf die Brust und schaut erwartungsvoll zu Melanie Winiger rüber. Die reagiert kurz verwirrt, dann aber souverän, sagt „jo, händs“ und klopft sich auch auf die Brust.

Dieses Bild: Mario Torriani, schwitzend im Anzug und Melanie Winiger glitzernd im Abendkleid, die sich voller Inbrunst den Hip Hop in den Torso klopfen, dieses Bild hätte ich gerne als Poster an der Innenseite meiner Toilettentür mit der Überschrift „Wenn Hip Hop noch nicht tot war, dann jetzt!“

Doch Mario Torriani hat noch nicht genug von guter Laune und Coolness und fügt an: „Applous für üsi Nominees idä erschte Reihe, das isch Rock n Roll!“ Torriani fühlt sich nun offensichtlich wohl, im Gegensatz zu Stress, auf den die Kamera in diesem Moment hält, weswegen er nur gequält lächeln kann und seine Knarre in seinem Jacket lassen muss. „Mein Moment wird noch kommen“, denkt er für sich, so wie alle Romands in reinstem Hochdeutsch denken. Die Kamera wandert weiter zu Baschi, der sich wie immer freut, wenn eine Kamera auf ihn zielt. Dann erinnert er sich an „Rock n Roll“ und formt mit seinen Fingern die „Devil Horns“, das altbekannte Metalzeichen, und mir wird ein klein wenig schlecht. Das Metalzeichen hat nun offensichtlich seinen Weg aus stinkenden Metal-Kellern nicht nur auf die T-Shirts von Zürcher Wohlstandsteenies geschafft, sondern auch auf die Hand von Baschi. Spätestens jetzt muss man also zudem sagen: Metal ist tot, Rock’n’Roll ist tot, und Baschi lebt. Wenn es einen Gott gibt, dann ist er Baschi, denn jeder andere Gott würde Baschi nicht zulassen.
Baschi hingegen schaut auf die Fernsehmonitore, sieht sich selbst, findet sich hübsch, schaut nochmal in die Kamera und wiederholt sein Handzeichen. Ich schaue mich verzweifelt um, denn ich lebe tatsächlich noch und die Welt ist nicht untergegangen. 2012: du hattest deine Chance. Der Weltuntergang ist verschoben, darauf einen Appenzeller.

Torriani und Winiger erklären jetzt den Fernsehzuschauern, dass sie per sms für den „Best Hit National“ voten können, mit Nummern und Endziffern, die ich mir wegen meines Alkoholpegels nicht mehr merken kann. Was aber nicht so schlimm ist, denn ich merke soeben, dass die Sendung eine Wiederholung ist und Voten daher eh nicht mehr möglich. Daraus folgere ich, dass nicht Freitagabend ist, sondern Sonntagnachmittag. Verwundert frage ich mich, was ich den ganzen Samstag gemacht habe, und merke, dass ich am Tag des Herrn um 16 Uhr stockbesoffen vor dem Fernseher sitze. Das macht mir aber nichts aus, schliesslich bin ich ja – wie gesagt – betrunken.
Dass ich nicht voten kann, nehme ich auch auf die leichte Schulter, fülle mir ein Coca-Cola-Glas mit Appenzeller und leere es in einem Zug. Daraufhin zolle ich allen drei nominierten Songs für „Best Hit National“ meinen Maximum Respect indem ich mit hocherhobenem Metalzeichen zu 77 Bombay Street, Stress und DJ Antoine leidenschaftlich headbange.
Der Rest der Sendung ist relativ rasch erzählt, da ich immer wieder eingeschlafen bin. Ich wache also auf, sehe vier Leute, die wie Zirkusdirektoren angezogen sind, einen Stein erhalten und sich darüber freuen.
Ich wache wieder auf, sehe einen jungen verflucht gutaussehenden Mann namens Bastian Baker, der zuerst mit fronssössichem Aggssooon sprischt und mir dann in einem Lied sagt „i sing for you“. Ich beginne zu weinen und verliebe mich in ihn.
Ich wache wieder auf und sehe das „Best Talent National“, die Band „Dabu Fantastic“. Als Torriani den Leadsänger dazu auffordert, etwas zur Trophäe, einem viereckigen grauen Betonblock, zu sagen, verkündet dieser, den Blick auf den Stein gerichtet: „du bisch so typisch für d’Schwiez und drum wunderschön“. Der schönste Satz des Abends. Darauf einen Appenzeller.
Ich wache wieder auf und sehe eine sehr verkaterte Adele, die sich per Videobotschaft, aber nichtsdestotrotz heftig begeistert für ihre beiden Swiss Awards bedankt, unter anderem mit dem Satz „Thank you very very much, enjoy your evening, bye bye“. Torriani sagt „Ä wunderbari Frou, kei Wort meh als nötig“ und ich schlafe wieder ein.
Ich wache wieder auf und sehe die Lovebugs. Noch schlimmer, ich höre sie. Dem Sänger sieht man an, dass er eigentlich Kurt Cobain sein möchte. Er hat zwar den gleichen Haarschnitt, aber es ansonsten verpasst, eine Ikone zu werden, gute Musik zu machen und vor allen Dingen, sich mit 27 zu erschiessen. Ja, das war jetzt gemein, aber ich bin auch betrunken und schlafe schuldbewusst wieder ein.
Ich wache auf, Kool Savas als Preis-Übergeber und Stress als Preisträger sind die ersten und letzten auf der Bühne, die wahrhaftig cool sind. Ganz im Gegensatz zu Homeboy Torriani, der, als Melanie Winiger den Namen „Stress“ sagt, in bester Ghetto Manier ein Hip Hop Zeichen macht (Handrücken nach vorne, Zeige- und Mittelfinger abgespreizt, Sie kennen es vielleicht von jedem zweiten Facebook-Foto). Und die Welt geht immer noch nicht unter.

Der Rest des Abends besteht aus der Sportmoderatorin Steffi Bucheli, die gewohnt hip und und quotenmodern das junge Publikum anspricht und im Auftrag von SF hemmungslos herumtwittert, aus DJ Antoine, der welch Überraschung, den Dance-Album-Preis abräumt, und aus Silbermond, das wie gewohnt Schlager im Popgewand präsentiert. Auf die Frage von Torriani danach, was denn für sie Glück bedeute, antwortet die Leadsängerin von Silbermond begeistert, für sie sei Glück, am Morgen aufzustehen und eine Motivation zu haben. Ich blaffe ihr betrunken „bläääähh“ entgegen und bezweifle ernsthaft, dass ich am morgigen Tag diese Motivation finden werde.

Die Sendung neigt sich langsam dem Ende zu und kriegt scheinbar doch noch die Kurve, denn Züri West tritt auf; darauf noch einen Appenzeller. Doch wie gesagt nur scheinbar, denn das Highlight ist schnell verflogen. Bei der Auswertung des Publikumspreises zum „Best Hit National“ wird als Laudator Iouri Podladtchikov angekündigt. Der Abend begann also mit Torriani und Winiger mit Maximum Respect und der Ghetto-Fist an der Brust, ging weiter mit Rock‘n‘Roll-Baschi, der zweimal das Metalzeichen schändete und endet nun mit einem Snowbard-Profi, der über Musik folgendes philosophiert: „Um Snowboard-Weltmeischter z’werde, bruchts ä paar gueti Tricks, ääähm, idä Musig, äääähm, Szene, Branche, ähm, wie au immer, bruchts eigentlich viel weniger. Äs brucht aaaaiiin guete Song. Hehe!“ Und während ihn Kool Savas daraufhin mit Blicken tötet, bemüht er sich dann Musik auf den Punkt zu bringen und zwar mit mit Snowboardbegriffen, die zu sehr weh tun, um sie hier nochmal zu wiederholen. Mit gefühlt zwölfmal „Wuuh“-Rufen outet er sich schlussendlich als einzig wahres Woo-Girl der Schweiz. Die Vier Herren im Zirkuskostüm betreten erneut die Bühne und Melanie Winiger beschliesst den Abend stimmig und sinnig mit „irgendöpper mues immer gwünne“. Ich bin schon sehr betrunken und fühle mich wie der heimliche Gewinner des Abends, oder besser gesagt: des Nachmittags.
Aber das letzte Wort hat natürlich unser aller Liebling Mario Torriani, der sagt: „Mir sägäd vor allem Thank You for the Music, übersetzt: Danke für d’Melanie!“ Melanie Winiger lacht, man weiss nicht, ob aus Selbstliebe oder aus Mitleid. Den Abschluss bildet DJ Antoine mit seinem neusten Hit und ich denke zum Schluss: „Oh! My! Wow!“. Sage aber: „Oh! My! Wooaarrrgglll!“

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