— Renato Kaiser

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Mit Rumpunsch im Nacken

Irgendwann Ende September, ich spazierte durch Bern, kam ich an einem jungen Pärchen vorbei. Die beiden standen vor einem Schaufenster, das bereits zu der Zeit voller Weihnachtsschmuck hing. Die Frau stupste ihren Partner an, schaute ihm mit starrem Blick in die Augen, zeigte auf das Schaufenster und sagte: „Ich bi fassigslos!“

Fassungslos? Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Das dachte sich wahrscheinlich auch ihr Partner ganz kurz, bis ihr entsetzter Blick wieder auf ihn fiel und er hastig erwiderte: „Jo voll. I au.“ Ein kurzer Dialog, der vielleicht so etwas wie ein Vorgeschmack auf deren gemeinsame Weihnachtsfeier war.

„Hey los zue Schatz, hey Schatz, los, hörsch jetz uf Play Station spiele, Schatz? Also los, i ha ä super Idee, mir schmücked üsn Baum sicher nöd mit Lametta und Glitzer und Chuglä und all dem Mainstreamzüüx wo üs das kapitalistische Kommerzsystem ufzwingt! Üsen Chrischtbaumschmuck baschtlemer selber! Als Wienachtschuglä nememer Tomatä und henkeds mit Schnittlauch an Baum, anschatt Lametta henkemer Rüeblischalä ad Äscht und uf dä Schptitz tömmer dä Betlehemsstern, aber useme Chürbis gschnitzt. Da gseet super uus, isch bio und als Wienachtsesse hemmer denn durch das grad au ä faini Suppä! Da fändi toll!“

„Jo voll. I au.”

Aber zurück zum Thema. Die junge Frau war also fassungslos. FASSUNGSLOS!

Natürlich gebe ich ihr Recht. Natürlich ist es absurd, wenn im September der Weihnachtsschmuck in der Spätsommersonne glitzert. Natürlich ist es absurd, wenn die Restbestände der alten Oster-Schoggihasen beinahe über Nacht in Schoggi-Weihnachtsmänner umgeformt und wieder ins Regal gestellt werden. Natürlich ist es absurd, wenn schon ab Oktober jede zweite Fernsehwerbung eine Parfumwerbung ist, die uns blindlings in die nächste Parfumerie rennen lässt, nur um dort zu merken, dass es viel zu teuer ist, worauf wir dann in den nächsten Billigladen stolpern und unseren Vätern das gleiche prollige Harley-Davidson-Parfüm-Duschgel-Aftershave-Set wie jedes Jahr schenken.

Natürlich ist das absurd. Aber das macht mich nicht fassungslos. Um darüber die Fassung zu verlieren, müsste man ja überrascht sein. Und warum sollte ich überrascht sein?

In der Bahnhofshalle des Zürcher Hauptbahnhofs steht schon seit Wochen ein Christkindlmarkt. Es ist unmöglich, vom Zug bis zum Tram zu gelangen ohne dass irgendetwas an einem kleben bleibt. Nachdem ich mich das letzte Mal durch die glühweingesottene Menschenmenge gekämpft hatte, stand ich schlussendlich da, auf der anderen Seite der Bahnhofshalle, abgekämpft, verschwitzt und mit dem toten Blick eines Pendlers. Mit einer Zuckerwatte am Bein, einem Rumpunsch im Nacken, einem Lebkuchenherz im Mund und einem Kleinkind im Arm, das ebenso erstaunt dreinschaute wie ich, aber gleichzeitig verzweifelt nach den gebrannten Mandeln griff, die an meiner Backe klebten. Aber machte mich das alles fassungslos? Nein! Überrascht, dass sich der Christkindlmarkt in der Zürcher Bahnhofshalle solch einer grossen Beliebtheit erfreut? Keineswegs! Denn: Wer jeden seiner Kindergeburtstage bei McDonalds gefeiert hat, geht nunmal auch zum Weihnachtsmarkt in den Zürcher Hauptbahnhof.

Ich liess mich also nicht aus der Fassung bringen, sammelte all die Fressalien an meiner Kleidung ein und gab sie seinem Obdachlosen. Das Kleinkind ebenfalls, denn ich dachte: Wenn die Eltern schon meinen, ihr Kind sollte die Adventszeit in Bahnhofshallen verbringen, warum also nicht gleich das ganze Jahr.

Apropos das ganze Jahr. Warum sollte ich eigentlich genau jetzt, zur Weihnachtszeit, von all dem überrascht sein?

Schauen wir uns doch einmal das gesamte vergangene Jahr an:

Am Valentinstag haben wir uns wieder einmal mit Hello-Kitty-Liebes-Gruss-Karten und rosaroten Glitzerluftballons in Herzform attackiert. Nach der Fasnacht hatten wir wie jedes Jahr noch monatelang die Guggenmusikversion von „It’s My Life“ von Jon Bon Jovi in den Ohren – und Konfetti in allen möglichen anderen Körperöffnungen. Im Sommer zur Fussballweltmeisterschaft liessen wir uns auf Public-Viewing-Plätzen zusammentreiben, weil überteuertes Bier offensichtlich immer noch am Besten schmeckt, wenn es im Plastikpbecher serviert wird – und weil das Fussballschauen einfach doppelt so viel Spass macht, wenn man es durch die Achselhöhle eines anderen tut.

Und nach all dem, nach all den OLMAS, den Herbstmessen, dem Halloween, nach all diesen menschenverachtenden Veranstaltungen, die wir während des Jahres mehr oder weniger freiwillig über uns ergehen liessen, nach all dem kann es uns doch nicht mehr fassungslos machen, dass nicht der Weihnachtsmann oder das Christkind das Weihnachtsfest einläuten, sondern eben der funkelnde Lastwagen von Coca Cola. Denn wir wissen ja: Nichts wärmt einen in einer kalten Dezembernacht besser, als ein schönes Glas eisgekühlte Cola.

Das alles mag zynisch klingen. Und: Die Welt, in der wir leben, ist nunmal zynisch. Die Welt, in der wir leben ist eben auch genau so zynisch wie ein Satz, der beginnt mit „Die Welt, in der wir leben”. Denn: Wer sind wir schon, bzw. wer sind schon wir. Wo hört “unsere Welt” auf und wo fängt “deren” Welt an.

Damit will ich sagen: Die Art und Weise, wie Menschen Weihnachten feiern, mag dumm erscheinen. Sich darüber aufzuregen, wie andere Menschen Weihnachten feiern ist hingegen ganz zweifellos dumm.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen schöne Festtage. Feiern Sie Ihre Weihnachten, wie es Ihnen beliebt – Sie werden mich nicht aus der Fassung bringen.

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Für diesen Text wurden verwendet: 

Fünf Begriffe aus dem Publikum und 30-40 Minuten Zeit. Die Begriffe waren:

Rüeblitorte, Kanzel, Geburtstag, Zahnbürschtli und Geometrie.

Alle weiteren Infos dazu findet Ihr hier.

Dä Raffael wartet am Usgang vom Läbä und wil vo sim Mami abgholt werde

Äs isch ämol än chliinä Bueb namens Raffael gsi. Dä Bueb isch aber nöd wi di anderä Chind gsi, nai. Er hät nöd wie all di anderä chliinä Chind mit drüü dä erscht iPod, mit Sächsi s’erschti iPhone, mit Nüüni s’erschti iPad und mit 12i s’erschte Chind übercho, nai. Dä Raffael isch no so uufgwachsä, wi me früener uufgwachsä isch. Är hät mit drü Chinderbüecher gläsä, mit nüüni Chinderbüecher gläsä, und mit zwölfi hät er nöd öppä scho äs Chind übercho, nai: Er isch immer no ais gsi. Und da hät sich au schpöter nöd g’ändärät. Di anderä sind mit 16i go tanzä, go fiirä, go umäsuufä, id Disco und in Klub. Dä Raffael nöd. Er hät Chinderbüecher gläsä.

Für d’Eltere isch da am Afang natürli super gsi. Ganz schtolz sinds uf iren chliinä gsi. Dass er äbä  nöd ä sonen verzogänä huerä Saugoof isch, wie all di anderä chlinä Justin Beaver Verschnitt, wo scho wüssed, wie schräg genau me sis Nike-Chäpli mues aleggä, no bevor’s chönd laufä. Än aschtändigä ischer gsi, än guetä. Am Geburtstag isches für si natürli au aifach gsi. Wärend alli andere Elterä amel wie di gschtöörte in Manor oder in Inter Discount oder in Media Markt gsecklet sind, wels am chlinä Rotzgoof di neuschti Version vo Call of Duty hend müese schenkä, damit er mit sinä minderjöörige Kolegä us Amerika, Japan, Dütschland und allnä andere Länder online cha Soldatä dä Grind wegballere, hend d’Elterä vom Raffael amel nur müesä zum Chinderladä go, grad um dä Eggä, immer dä glich und aifach ä neus Chinderbuech chaufe. Super isch da gsi für die Elterä. Wenn dä Raffael Geburtstag gha hät, hät er nöd mee brucht als ä neus Chinderbuech und ä Rüeblitortä. “Huere Aargauerfrass” hend die andere Chind amel gsait und en uusglachät. Und sis Mami hät denn amel gsait: “Nai, imfall, das esseds au z’Schaffhusä”. “Schaffhuusä, Schaffhusä, da isch jo ee fascht z’Dütschland!” hends denn gruefe und glached und gjoolet und sin usegseckläd und hend än Dütsche azündt, wel iri Eltere inä gsait hend, das me das so mües mache.

Aber vo all dem hät Raffael nünt mitübercho. Ganz allai isch er a sim Tisch ghocket, niemert hät mit ihm gfiiret, niemert hät mit ihm gschpielt, er hät kai Fründä kai, mueterseeleallai isch er a dem Tisch gsessä und hät sini Rüeblitorte g’ässä. Sis Mami hät en ganz mitlaidig aglueget und gfrögät “Wötsch än Sirup, Schatzi” und er hät nur abgwunke. S’Ainzig woner amel zu sinere Rüeblitorte trunke hät, sind sini Tränä gsi. Sini Mueter hät denn ganz truurig glueget und gsait: “Du lueg Raffael. Du bisch jetzt 25i. Mainsch nöd, dass mol langsam sötsch “NAI!” Hät dä Raffael denn ganz trotzig gsait und mit sine Hend versuecht z’zaigä, wi alt er den wörkli segi. 6i, hät er zaigt. 6i seger. Sis Mami hät denn aber gsait “Nai Raffael, du bisch 25i, i waiss du chasch immer no nöd zelä, aber da isch imfall gar nöd so-” NAI! I KANN ZELL!”. Wel dä Raffael sis ganzä Läbä lang nur Chinderbüecher gläsä hät, hät er weder bsunders guet chönä zellä, no guet rede chönä. “Kan zell…” hät er trotzig und gedankeverlorä is letschte Schtuck Rüeblichueche inebrummt, woner sich mit dä Fuscht is Muul ine truckt hät.

Er hät sowieso nöd vil Wörter kennt. Nur “NAI”, “KANN ZELL” und “Zahnbürschtli”. Das hät er nämli immer gsait, wenn en sini Mueter gfrogät hät, was er denn mol wöli werdä, wenn er gross segi. “ZAHNBÜRSCHTLI!” wöl er werdä, hät er gsait. Also nöd scho immer. Also aigentlich erscht so mit 21i hät das aagfangä, woner s’erscht mol vo dä Zaafee enttüscht wordä isch. Wel so fescht, wiener immer an Oschterhas und as Chrischtchindli glaubt hät, hät er au ad Zaafee glaubt. Schliesslich hät em sini Mueter woner chli gsi isch, immer än Füüfliber unter s’Chüssi glait, wenn er ainä vo sinä Milchzää, wonem uusghait sind, dä Obig vorher drunter glait hät. Woner chli gsi isch, isch da jo no herzig gsi. Aber so mit 15i, 16i, isches dä Mueter denn scho langsam ächli komisch vorcho. Und woner denn au mit 19i immer no Milchzää unter s’Chüssi glait hät, isch si denn scho chli stutzig wordä. “Wo hät er die nur her?” hät si sich amel gfrögät. Sie hät denn halt aifach denkt, dass er die us Gips oder Holz oder waiss de Gugger was gschnitzt hät. Dass idä Zitig gschtandä isch, dass irgend öpper chlinä Chind ide Nochborschaft d’Zää uuschloot, hät si so fescht ignoriert, wie alles andere wo a irem Raffael ächli komisch gsi isch. Woner denn 21i gsi isch, isch si denn aber langsam verzwiiflet und hät uufghört mit dem Zaafeezüüx. Und ab dem Moment, wo d’Zaafee am Raffael kai Füfliber me unter s’Chüssi glait hät, hät er au uufghört a si glaubä. Waner aber nie uufghört hät, isch: chlinä Chind d’Zää uuschloo. Die hett er denn immer am Mami unter s’Chüssi glait. Immer öppä zää Schtuck, agrichtet immer in Kegelform, also därä Form vo dä Geometrie, wo usgseet, wienes Rüebli. Wel er äbä sis Mami so gern hät.

Und au wenns dä Raffael nöd aifach gha hät im Läbä, au wenn er chum hät chönä redä oder zelä, und au wenn en d’Chind immer uusglachät hend, und au wenn en d’Zaafee irgendwenn so fürchterlich im Stich loo hät, trotz all dem, isch dä Raffael amel glücklich gsi, wenner sim Mami di uusgschlagnä Zää vodä Nochborschind in Rüebliform unter s’Chüssi glait hät. Wel i dem Moment isch er da wordä, woner immer scho hät wölä werdä. Dä legitimi und zueverlässigi Noochfolger vodä Zaafee. S’Zahn-Bürschtli.

 

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Aber schön war es doch

Bald ist alles zu Ende. Das jüngste Gericht kommt. Die Apokalypse steht bevor. Oder: mein Aufenthalt in Berlin befindet sich in der Schlussphase. Ich bin wahrlich kein Mensch, der allzuviel bereut und gleichzeitig aber auch einer, der sehr viel vergisst. Jedoch: Berlin nicht zu bereuen, bzw. Berlin zu vergessen ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Genauso unmöglich ist es gleichzeitig, jemandem, der nicht in Berlin ist, klarzumachen, warum Berlin so schön ist. Lassen Sie es mich bitte einfach mit dem Anfang eines Gedichtes erklären, welches ich hier in Berlin geschrieben habe.

Ich habe mir auf bunten Feten
die Füsse wundgetreten,
mich darauf konzentriert in heftigem Masse den Schlund zu löten,
die Fetenfreunde mit Diskussionen über Gott und die Welt mit meinem Mund zu töten,
und dazu war nicht einmal ein Grund von Nöten.
Ich habe meine Leber wie andere einen Hund getreten
und ab und zu einen im Park um ein Pfund gebeten,
weil wenige Gramme
nicht reichen,
um ewig zu stammeln.
Weitere Erfahrungen habe ich eh nicht gesammelt,
denn ich bin in Berlin, ich habe heftig und stetig gegammelt,
und das war nie schlimm,
denn irgendwie hat Berlin
es mir ständig verziehn.
Ich dachte einmal dass Wien mich zerstört hätte.
Denn Wien gab mir Schnitzel, Übelkeit und einen Hexenschuss.
Nach Berlin gibts nix was übrigbleibt, ausser der eine oder andere Hexenkuss.
Ich weiss nicht, was hier der nächste muss,
aber ich muss schlafen, oh Gott muss ich schlafen.
Ausser jemand kommt mit Bier vorbei,
um mich noch ein klein wenig länger zu strafen, oh weh.
“Und ich bin zu müde um schlafen zu gehen”.
Ist Berlin doch die Stadt, die da nie schläft,
und meine Zeit hier fühlt sich an wie ein Best Of Album von Hildegard Knef.

Natürlich: Vieles davon ist nicht wahr und sehr oft auch dem Reim geschuldet. Und Gedichte sind selbstverständlich immer pure Fiktion. Immer! (Darum jetzt auch ein paar kleine Einsichten auf mein weiteres Schaffen hier.) Denn – stellen Sie sich vor – ich habe nicht nur gefeiert und übers Feiern geschrieben. Ich hatte auch Auftritte, habe Poetry Clips gedreht und viel geschrieben.

( fast jeden dritten Abend einen Auftritt, war zudem für Slams drei Tage in Wien, drei Tage in Norddeutschland und habe Texte geschrieben und Filmchen gedreht, die ich für mein neues Soloprogramm benutzen werde.)

Aber – man muss schon sagen – das alles eher so nebenbei. Hauptsächlich habe ich Berlin genossen. In vollen Zügen. Und damit sind nicht nur Atemzüge gemeint. Und ich muss gestehen: gerade jetzt bin ich tatsächlich wehmütig. Aber das lasse ich gerne zu und – da ich weiss, dass ich auf jeden Fall immer wieder nach Berlin zurückkehren werde – schliesse ich in diesem Sinne auch herzlich gerne mit einem Refrain der bezaubernden Hildegard Knef:

“Aber schön war es doch,
aber schön war es doch,
und ich möcht es noch einmal erleben.
Dabei weiss ich genau,
dabei weiss ich genau,
sowas kann es doch einmal nur geben”

Ach ja, zum Bild. Mein Freund und Slam-Kollege Björn Dunne hat es geschossen. Es ist mein Lavabo mit einem aufgeklebten Herzchen. Ein passenderes Bild für mein Berlin und diese Kolumne gibt es nicht.

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Die Yuppies und die Eingeborenen

Man könnte ja meinen, dass sich ein Schweizer in Berlin ein bisschen fremd vorkommt. Hier sagen sie “Ich kriege noch n Bier” anstatt “Ich hätte gern noch ein Bier”, die Parties beginnen erst dann, wenn der anständige Schweizer (ob Zürcher Partygänger anständige Schweizer sind, darf jeder für sich selbst entscheiden) bereits im Bett liegt und die Kühe zählt und – oh Schreck, oh Schreck – sie sind in der EU. Das einzige was hier der neutralen Haltung der Schweizer nahe kommt, ist der Geschmack von Edammer und ähnlichen Käsenachbildungen, die sie höchst sorgfältig in kaum zu öffnende Plastikverpackungen stopfen, auf denen dann hämischerweise “wiederverschliessbar” draufsteht. Dies sind jedoch nur Details, schliesslich fühle ich mich hier sehr wohl. Die Berliner haben nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Schweizer, und sie ereifern sich erstaunlich selten darin, mich mit einem breiten Grinsen und einem “Hopp Schwiz” oder “Grüezi” an meine Herkunft zu erinnern. Dafür haben sie auch schlicht und einfach keine Zeit, da sie ebenjene hauptsächlich dafür nutzen, sich über Zugezogene und Yuppies aufzuregen. Zumindest in Friedrichshain, dem Stadtteil, in welchem ich zur Zeit wohne. “Hier waren früher überall noch Punker und feine Menschen”, echauffiert sich Jule, die Kellnerin in meiner Stammkneipe, welche noch eine der letzten Hochburgen des “wahren Friedrichshain” zu sein scheint. Sowohl Jule als auch der “Toaster”. “…Und jetzt rennen überall nur noch diese Yuppies mit ihren Stoffbeuteln und Plastikgestellbrillen rum!” Schrammi und Mike, meine neu gefundenen Freunde und alteingesessenen Stammgäste, nicken ihr über das halbvolle Bierglas zu. Die Altberliner regen sich über die Gentrifizierung auf. Ein Vorgang, unter dem schon andere Viertel wie Prenzlauer Berg, Neukölln und Kreuzberg zu leiden hatten oder haben. Eher unattraktive Viertel mit leerstehenden Wohnungen und tiefen Mitpreisen werden zuerst von Kulturschaffenden und ähnlichen Freigeistern besiedelt. Dadurch, dass diese dann Kneipen, Konzerträume und Restaurants eröffnen, wird das Viertel attraktiv, die Preise steigen und die “Eingeborenen” oder auch junge ärmere Künstler von aussen können sich nicht mehr leisten, da zu wohnen und ziehen in ein anderes Viertel. Punkkneipen werden zu Cocktailbars, statt mit einer Flasche Bier rennen die Menschen mit Kinderwägen herum und die Currywurst wird mit einer Stoffserviette serviert. Der Höhepunkt wird dabei meistens dann erreicht, wenn eine junge Doktorandin ins Viertelszentrum zieht, direkt über eine langjährige heiss kochende Konzertkneipe und sich dann so lange über den – für sie seltsamerweise überraschenden – Lärm beschwert, bis die Kneipe ab 22 Uhr keine Liveband mehr spielen lassen darf. Ein Vorgang, den ich eigentlich nur in der Schweizer Provinz für möglich hielt (ich erinnere ungern an Rorschach und das Hafenbuffet) – Die Schweiz und Berlin haben also doch etwas gemeinsam. Folgendes jedoch wäre hingegen in Rorschach nicht möglich gewesen: Die Betreiber der Bar hielten sich an die Abmachung – und zwar indem sie die Bands dann um sechs Uhr morgens spielen liessen. Und wie oben erwähnt sind die Berliner dann etwa auch in bester Festlaune.
Da auch ich dem nächtlichen Treiben nicht abgeneigt bin und mit dem Toaster ein letzter Rest Friedrichshainer Urkultur ein dreifaches Stolpern weit weg von meiner Haustür liegt, fühle ich mich hier auch nach einem Monat und damit nach der Halbzeit meines Aufenthalts bestens aufgehoben. Dieses Gefühl wurde spätestens im Badezimmer von befreundeten Berlinern bestätigt. Mit Freuden entdeckte ich da eine Zahnpastatube mit der Aufschrift “eurodont”. Und ich denke, jeder Schweizer, der diesen Begriff auf englisch liest und interpretiert, kann sich doch da nicht anders als geborgen fühlen…

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Halli Hallo meine Lieben, hier mit kleiner Verspätung meine zweite Kolumne aus dem schönen Berlin. Viel Spass!

Deutsche raus!

Der Berliner sagt von sich, er sei hart aber herzlich. Roh und unhöflich sei der Berliner, sagte mal eine Frau aus Winterthur zu mir (damit ist nicht Natalie Rickli gemeint). Und ich muss gestehen, auf den ersten Blick könnte man durchaus zu Recht letzterer Meinung sein. Als ich vor fünf Jahren das erste Mal in Berlin war, wurde ich entweder hart willkommen geheissen oder ich habe einfach nicht verstanden, was der Berliner unter herzlich versteht. Ich sass in der S-Bahn vom Flughafen zur Stadt, las Zeitung und betrachtete über den Seitenrand hinweg schüchtern meine Mitreisenden. Als mein Blick einen Mann gegenüber streifte, richtete dieser sich auf, schaute mich feurig an und fauchte: “Ey! Bist du schwul oder was?” Ich war einigermassen überfordert, sagte gar nichts und schaute weg, mit dieser”Geh weg, geh weg, ich bin gar nicht da”-Hypnosetaktik, die eigentlich nie funktioniert. Jenes Mal hat es jedoch geklappt. Der Mann stand auf jeden Fall auf und stampfte davon. Des Weiteren stellte er exakt dieselbe Frage daraufhin jedem zweiten Fahrgast, weshalb ich dann doch ein bisschen beruhigt war: Er schien offensichtlich eine statistische Erhebung machen zu wollen. Oder wollte einfach nur wissen, wer eigentlich wirklich schwul sei. Vielleicht war ich ja nur unnötigerweise verkrampft. Wer weiss, wie das Gespräch hätte weiterlaufen können:
“Ey, bist du schwul oder was?”
“Öhm. Nein.”
“Ach so! Ja dann… Schönen Tag noch!”
Wer weiss, wer weiss. Nun ist es jedoch so, dass man niemals alle Menschen einer Region über einen Kamm scheren sollte (damit ist nicht Natalie Rickli gemeint). Ja: Der Berliner ist roh, unhöflich, aber – sehr herzlich. Wenn er jemanden die sprichwörtliche “Berliner Schnauze” spüren lässt, dann mit einem Augenzwinkern. Es kann sein, dass man das Augenzwinkern erst nach mehreren Stunden und Bieren entdeckt, aber es ist da! Wirklich! Zum Beispiel im “Toaster”, der Rock’n’Roll-Bar fünf Meter neben meiner Eingangstür (ja, ich führe zur Zeit ein Leben voller böser Verlockungen). Als ich dieses bezaubernde Lokal das erste Mal betrat, sah sie irgendwie geschlossen aus, weshalb ich die Kellerin vorsichtig gefragt habe, ob die Bar denn überhaupt geöffnet sei. Die Antwort war: “Ja, ne, ich sitze hier einfach nur so zum Spass, weil ich Freizeit nicht mag.” Und daraufhin kriegte ich ein vorzügliches Bier und ein nicht minder erfreuliches Gespräch. Fast dieselbe Antwort hab ich dann Tage später und sehr spätabends auch von der Wirtin des Lokals gekriegt. Und weil diese Frau das charmante Augenzwinkern wie kaum eine zweite beherrscht, betrachte ich meine Beweisführung in dieser Angelegenheit als abgeschlossen.
Es gibt also nicht einfach nur DEN Berliner. Es gibt auch die Berlinerin. Quatsch. Aber: die Berliner sind ausgezeichnete Gastgeber und humorvolle Gesellen. Doch auch hier ist Verallgemeinerung unangebracht (und damit ist nicht…). Die Wirtin im Waschcafé zum Beispiel ist schlicht und einfach die unfreundlichste Person der Welt. Kein Augenzwinkern.
Nun kann man sich fragen: warum heisst der Titel der Kolumne “Deutsche raus”? Und was soll das Bild? Nun: Der Berliner hat wenig bis nichts gegen Türken, Araber oder Schweizer – aber gegen Deutsche. Zugezogene. Davon wird die nächste Kolumne handeln.
Und zum Bild: das erste, was ich bei der diesmaligen Ankunft gesehen habe, war ebenjenes Plakat. Meine Botschaft dazu: Ich habe nichts gegen Deutsche. Nur gegen jene, die mit schlecht imitiertem Akzent lausige Witze über Schweizer Klischees machen.
Und ich gebe zu: Der Titel ist nur deshalb so gewählt, damit auch Natalie Rickli eventuell diese Kolumne liest. Wer weiss, ob vielleicht mit einem Augenzwinkern…

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Kolumnen aus Berlin

Wie bereits erwähnt, wohne ich seit 3. Mai und bis 27. Juni in einer Künstlerwohnung in Berlin. Für das St. Galler Tagblatt schreibe ich Kolumnen in der Zeit. Die Kolumnen werde ich hier jeweils auch reinstellen. Viel Spass mit der ersten Kolumne aus Berlin.

Berlin ist meine Terrasse

Im Darkroom einer Schwulenbar bei mir um die Ecke ist eine Leiche gefunden worden. So wollt ich schon immer mal einen Text beginnen. Jetzt, da ich seit Anfang Mai in Berlin wohne, und obiges wirklich passiert ist, ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Dass diese Schwulenbar zynischerweise “Die Grosse Freiheit” heisst, ist nur eines von unzähligen Besonderheiten in Berlin, oder besser gesagt: in meiner Strasse. Denn: Nur wenige Meter weiter von der trügerischen “Grossen Freiheit” hat ein Wirt sein indisches Spezialitätenrestaurant auf den fragwürdigen Namen “Butthome” getauft. Ich wohne nun also in einer Strasse, in der Leute in Darkrooms sterben und Inder ihr Gasthaus “Hinternheim” nennen. Ich muss auch gestehen, dass ich bei dieser rektalen Koinzidenz ein wenig pubertär kichern musste.
Falls der geneigte Leser in diesem Moment noch nicht davon überzeugt ist, dass Berlin ein wenig seltsam ist, bzw. diese Kolumne her einigermassen fäkal daherkommt, kann ich sagen: Es kommt noch schlimmer. Oder schöner. Berlin ist schlimm schön und schön schlimm. Meine Wohnung beispielweise war wohl irgendwann mal ein Laden, sodass mein Schlafzimmer direkt in den Gehsteig mündet. Schön daran ist: ich kann mit Fug und Recht behaupten, Berlin sei meine Terrasse. Das schlimme daran: Bereits am zweiten Tag hat mir ein Hund vor die Türe gekackt. Ich interpretierte das einfach mal wohlwollend als “Willkommen in Berlin”.
Und willkommen fühle ich mich auf jeden Fall in dieser Stadt. Sie pulsiert mit der Frequenz einer Ska-Band, wummert wie härtester Elektrobass, und ist in etwa so gesund wie Lemmy von Motörhead. Und genau wie er wird Berlin nie untergehen. Ich würde ja gerne von mir behaupten, dass ich Berlin – wie es so schön heisst – aufsauge. Doch es ist vielmehr so, dass die Stadt mich aussaugt, aufsaugt, durchkaut und wieder ausspuckt – und das gefällt mir auch noch! Verrückt, sage ich doch. Natürlich ist Berlin aber auch nicht nur das Babylon meiner feuchten Träume. Ich bin auch joggen gegangen, hab Kaffee getrunken, geschrieben, gelesen, mich schon mit Dutzenden tollen Freunden, Slam-Kollegen und anderen Menschen getroffen und hab ab und zu auch kein Bier getrunken. Aber diese Normalität scheint eher die Ausnahme darzustellen. Du musst auf jeden Fall als Schreiber keine Geschichten erfinden, wenn du in Berlin wohnst.
Beweis gefällig? Nun, an einer Geburtstagsparty eines befreundeten Slammers wurde mir vergangenen Samstag ein Teile meines Schneidezahns ausgeschlagen. Aber nicht von einem Schlägertypen. Sondern von einem nackten, tanzenden Mann, der einen Gymnastikball nach mir warf, als ich eine Weissweinflasche ansetzte. Verrückt.

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Die Fleischfrau und die Kassenfrau

Liebe Küböfreufreu (Künstlerbörsenfreundinnen und -freunde). Jetzt kommen die schmutzigen Details. Diese Kolumne wird nicht im Thuner Tagblatt abgedruckt, sondern hängt nur hier an dieser Medienpinnwand im KKThun. Und im Internet. Wir sind also völlig unter uns.
Es waren zauberhafte Tage. Vor allem für mich. Ich kann jedem empfehlen, Künstlerbörsenchronist zu sein. Essen, trinken, schreiben – ein wunderbares Jobprofil. Und das Schönste daran war: sobald ich um 14 Uhr meine Kolumne abgegeben habe, konnte ich hemmungslos dem kulturellen Müssiggang frönen, zwar wie alle, jedoch mit dem tollen Gefühl, bereits “gearbeitet” zu haben. Der Job hat aber – wie so oft – auch Schattenseiten. Jeden Abend musste ich in der Late Night Bar bleiben, bis der letzte herauswankte, um ihn noch zu interviewen – als Chronist muss man schliesslich korrekt und allumfassend arbeiten. Manchmal war derjenige letzte auch ich selber. Ich hab ihn trotzdem interviewt, war aber irgendwie abgedroschen und langweilig. Und ausserdem: ich musste mich bei den Warteschlangen vor den Sälen ebenfalls hinten anstellen. “Ich bin Chronist, lassen sie mich durch!” zu sagen, hat auch nichts genützt. Dafür aber hat man genügend Zeit, um auch auf kleine Dinge aufmerksam zu werden, die auf den zweiten Blick welt- oder zumindest messenerschütternd sind. Es geht ums Essen, oder genauer um das Selbstbedienungsrestaurant vom Alpha Thun vor der “Piazza”. Mir war die Bezeichnung “14/19” unter dem “Steak vom glücklichen Schwein” (eine eindeutige ante-mortem-Beschreibung) nicht klar. Die Fleischfrau (die charmante Dame hinter der Fleischtheke, “Fleischfrau” ist nicht negativ gemeint, geschweige vom Äusserlichen abgeleitet, ich mag bloss das Wort. “Fleischfrau”, mmh…) erklärte mir dann (ja, hier geht der Satz weiter, tschuldigung), dass es dabei um kleine, bzw. grosse Portionen ginge. Auf meine Frage, wie man das denn regeln könne, da man sich die Beilagen ja nach eigenem Gutdünken mengenmässig auf den Teller schaufelt, antwortete sie: “Ach, das entscheidet dann die Frau an der Kasse jeweils!” Mein Blick wanderte zur Kassenfrau (siehe Begrifferklärung “Fleischfrau”) und ich erstarrte in Ehrfurcht. Was für eine Macht! Was für eine Entscheidungkraft! Aus anfänglicher Bewunderung wurde Angst und ein Hauch von Panik. Wie würde sie meinen Pommes-Frites-Haufen katalogisieren? Hab ich ein zu grosses Stück vom Glücksschwein abgekriegt? Und vor allem: Reichen meine Küböchroschmarobos (Künsterlbörsenchronistenschmarotzerbons)? Die drei Antworten auf die drei Fragen lauten: 1. Gross, 2. ja und 3. nein. Es reichte nicht. Ich musste ganze sieben Franken aus der eigenen Tasche bezahlen! Eine Frechheit! “Ich bin der Chronist” zu rufen, hab ich mich nicht getraut. Schliesslich hatte ich es mit der mächtigsten Frau der Künstlerbörse zu tun.
Ach ja, die schmutzigen Details der gestrigen Late Night Bar, also: Michael Elsener hat sich im Rausch den Kopf kahlrasiert, Dodo Hug hat ein Cello zertrümmert, Matto Kämpf hat getanzt und Manuel Stahlberger einen babyblauen Bären verprügelt. So habe ich es auf jeden Fall in Erinnerung. Bei den Musikkabarettistinnen “Edle Schnittchen” am Stand 18.53 gibts übrigens Absinth. Vielleicht liegts auch daran…

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Wallis und St. Gallen – dialektal diametral

Die Lombardei will Teil der Schweiz werden. Diese Meldung aus unserem südlichen Nachbarland hat für Aufruhr gesorgt. Den Wallisern ringt dies nur ein müdes Lächeln ab, wollen sie doch mit der Schweiz so wenig wie möglich zu tun haben. Nicht umsonst gibt es für sie das Wallis einerseits und andererseits die »Üsserschwyz« – den Rest der Schweiz. Wahrscheinlich im Auftrag der Völkerständigung hat nun die Künstlerbörse den zermattigsten unter den Schweizer Kanton als Gast eingeladen. Schon letztes Jahr haben die Verantwortlichen des KTV diesen Drang zur Einbindung von Schweizer Randgesellschaften an den Tag gelegt, als sie St. Gallen als Gastkanton eingeladen haben. Damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Kantonen aber vorerst auf, liegt doch St. Gallen und das Wallis weit auseinander. Und dies nicht nur geographisch sondern vielmehr, was die Sprache betrifft. Das exotische Mysterium, das den Mund eines Wallisers verlässt, wird zwar von kaum einem Schweizer auf Anhieb verstanden, der melodiöse Singsang wird gleichzeitig aber als wohlkingend empfunden. Den St. Galler hingegen versteht jeder Schweizer ohne Probleme, dafür mag fast keiner dessen eckig-nasalen Hochgeschwindigkeitssalven, die er oft mit einem »Tschüsstschauuutschüsstschüss« oder einem spitzen »gell« abschliesst. Der St. Galler und der Walliser stehen sich dialektal diametral gegenüber. Mit dem exotischen Singsang vorhin war übrigens keineswegs französisch gemeint. Denn ja – um Gottes Willen – diese Sprache wird da auch noch gesprochen! Sie sehen: Gründe für Isolation sind gegeben.

Dieses Wochenende jedoch wurde heftig integriert. Sowohl auf französisch als auch walliserdytsch besangen, betanzten und bespielten die Walliser Künstler das begeisterte Publikum. Den Start machte der Kabarettist Yann Lambiel an der PreisGala am Donnerstag mit gelungenen Imitationen der bekanntesten Walliser Verbrecher (Joseph Blatter, Oskar Freysinger, u.a.). Freitag und Samstag bewiesen dreissig weitere Künstler aus Kabarett, Literatur, Tanz und Theater dass das Wallis nicht nicht nur in der Fleischtradition vielfältig ist. Für einen der Höhepunkte sorgte der Autor Rolf Hermann, der mithilfe von zwei »Üsserschwyzer« (Matto Kämpf aus Thun und der Bieler Achim Parterre) Alpen-Hardcore-Mundart-Poesie zum Besten gab. Wer also eine literarische Einlage für seine nächste Beerdigung sucht (O-Ton Kämpf) wird an den »Gebirgspoeten« nicht vorbeikommen.
Doch von Beerdigung soll hier weiter keine Rede sein. An der Künstlerbörse ging es äussert lebhaft zu und her, auf den Bühnen einer- und in der Late-Night-Bar andererseits. Allerspätestens da fanden auch wirklich alle Walliser und Üsserschwyzer zueinander. Ob dies am integrativen Gedanken der Künstlerbörse lag oder daran, dass ab einem gewissen Alkoholpegel jeder Dialekt irgendwie exotisch und/oder französisch klingt, wusste am Morgen danach keiner mehr so ge

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Der Küböchro und der Bonhomme

Am Donnerstag der Künstlerbörse (oder wie ich hier tatsächlich an einer Pinnwand gelesen habe: »Kübö«) fand die Preisgala statt, an der Pippo Pollina und Massimo Furlan sehr hässliche Preise übergeben wurden. Eine neongelb leuchtende schemenhafte Menschenfigur, die aussieht als hätte bei dessen Kreation ein Primarschüler mehrere »Laubsägeliblättli« zerstört und anschliessend keine Lust mehr auf die Schleifarbeit gehabt. Um dem Ganzen trotzdem einen fröhlichen Touch zu geben, wurde die Figur in einen gelben Farbkübö getaucht – und wahrscheinlich auch damit man die Bleistiftskizzen des ungenügenden Handarbeitsschülers auf dem Rohholz nicht sieht. Um der Perversion der Ästhetik die Krone aufzusetzen heisst der Preis »Bonhomme«. Ein wahrlich unpassender Name, könnte man meinen, bis man den tieferen Sinn hinter, bzw. in der Statue erkennt. Schliesslich heisst das Männlein »Bonhomme« und nicht »Beau Homme«. Und wie bei jedem guten Mann zählen, vor allem wenn er nicht sonderlich schön ist, die inneren Werte. So auch bei diesem sonnigstrahlenden Augenschmerz, schlummern in ihm doch Ruhm und Ehre und 10’000 Franken.

Und wenn wir schon bei ästhetisch fragwürdigen Dingen sind. Was genau ist der Antrieb hinter Menschen, die nicht allzu schwer über die Lippen gehende Wörter wie »Künstlerbörse« in eine kieferverrenkende Abkürzung namens Kübö verwandeln? Die Künstlerbörse hat so einen Spitznamen nicht verdient! Eine Freundin von mir heisst Angelica und wurde stets »Gelle« genannt! So muss sich die Künstlerbörse fühlen! Kübö! Daniel Küblböck hätte diese Abkürzung verdient, wäre in dem Falle doch die Kongruenz von Form und Inhalt perfekt! Aber doch nicht hier. Soll es der Vereinfachung dienen? Wie bei YB? Ehrlich gesagt, macht es erstens im testosterongeschwängerten Fussballmetier Sinn, einen Teenie-Boy-Group-Namen abzukürzen und zweitens wird man das kultivierte Künstlerbörsenpublikum kaum dazu bringen, hooliganartig Fangesänge anzustimmen wie »Küübö *klatschklatschklatsch* Küübö *klatschklatschklatsch*«.
Für den Fall, dass man mit Kübö einen dieser umlaut-überhäuften skandinavischen Bandnamen imitieren wollte, muss man sagen: Wenn »Kübö« eine schwedische trendy-indie Rockband wäre – sie wäre eine miserable.
Wollte man aber vielleicht dem Gastkanton entgegenkommen? Den francophonen Wallisern rein lautlich mit »Boschuur lö kübööö«? Oder den Oberwallisern, die doch allzu gerne ö und ü in ihrer kryptischen Sprache benutzen? Aber auch dies macht keinen Sinn. Wie wir alle wissen, ist der Walliser in seiner Namensgebung so präzise und zweckorientiert (man denke an Aufdermaur, Imoberdorf, Aufdenblatten, Aufderheckehinterderdrittenstrasselinksamhang), dass ihn eine derartig primitive Abkürzung verwirren, wenn nicht sogar beleidigen würde.
Und das kann nicht im Sinne der Kübö sein, und erst Recht nicht in jenem der Künstlerbörse. Man muss jedoch anmerken, dass diese lächerlich kleinen Unschönheiten nur dem chronisch nörgelnden Chronisten aufgefallen sind. Die Zuschauer stürmten am Freitag in Scharen in die Säle und erfreuten sich an hervorragender Kleinkunst. Und daran hinderte sie weder der »Bonhomme« noch das »Kübö« und erst recht nicht der Küböchro.

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Spannung lag in der Luft. Es sollte ein bedeutsamer Abend werden. Sein oder Nichtsein. Sieg oder Niederlage. Borussia Dortmund oder der FC Bayern München! So dachte ich auf jeden Fall, bis ich gemerkt habe, dass ich im KKThun sitze und Chronist der diesjährigen Künstlerbörse bin. Das war natürlich ein Schock. Da will man sich das wichtigste Spiel der laufenden Bundesligasaison anschauen und dann sowas! Warum ich mich überhaupt für deutschen Fussball interessiere und nicht für den aus der Schweiz? Nun, also erstens: Ich komme aus St. Gallen. Und zweitens… Na ja, das war’s eigentlich schon.
Um über den Schreck hinwegzukommen, begab ich mich zum Apéro, der vom Gastkanton Wallis offeriert wurde. Mit jedem Gläschen Rotwein und jeder Scheibe Speck mehr verflog mein anfänglicher Unmut und ich begann mich unters Volk zu mischen. Auch meine anfängliche Unterwürfigkeit gegenüber den illustren Gästen aus Kultur und Politik wich einer weingesottenen Forschheit. Während ich anfangs noch zaghaft sagte, dass ich hier vier Tage lang zuschauen, essen und trinken und darüber schreiben würde, tönte ich später: »Ich bin der Chronist!« Nach ein zwei weiteren Gläsern Wein sagte ich das auch, ohne direkt gefragt zu werden. In eine Gruppe hineinzuplatzen und forsch »Ich bin der Chronist!«, zu röhren und gleich wieder zu verschwinden, hinterliess auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. Die Betroffenen erstarrten vor Ehrfurcht. Oder Angst. Ein guter Walliser Apéro verhilft nun mal zu einer breiten Brust. Da stimmte mir auch der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz indirekt zu, indem er die Walliser unter anderem mit folgendem Satz offiziell begrüsste: »Eine der Kernkompetenzen der Walliser ist das Servieren von Apéro!« Ich prostete und stimmte ihm zu.
Nun ging’s aber zum Hauptteil des Abends, der KleinKunstGala im Schadausaal. Statt »Wurscht und Bier und Fuessball« halt »Wii und Trochufleisch und Kultur«. In der ersten Hälfte spielte der Träger des Schweizer KleinKunstPreises 2012 Pippo Pollina gross auf und liess mich durch seine bewegende Musik jeden Gedanken an Fussball vergessen. Als er mit Werner Schmidbauer einen Bayern vorstellte, blieb mir jedoch nichts anderes übrig als den Zwischenstand nachzuschauen. Null zu null. Die Show konnte weitergehen. Die beiden Südländer (der eine Italiener, der andere Bayer) hatten die Partie fest im Griff, zeigten sich kombinationsfreudig und verspielt, und nichtsdestotrotz mit dem einen oder anderen intelligenten Pass in die Tiefe. Von Catenaccio konnte keine Rede sein.
Nach der Pause war Massimo Furlan, der Träger des diesjährigen Schweizer InnovationsPreises, an der Reihe. Ich muss zugeben: Zuerst hat sich mir von seiner experimentellen Tanz- und Theaterkunst nicht viel erschlossen. Als er dann aber in einem rotblauen Superheldenkostüm auftrat, mit einem Ball unterm Arm, dämmerte es mir langsam. Und spätestens als ein weiterer Superheld, schwarzgelb gekleidet (!) die Bühne betrat, dem Rotblauen den Ball und ein Sandwich entriss und nicht mehr zurückgab, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ein Blick auf mein Handy nach der Gala bestätigte meinen Verdacht: Eins zu Null für den BVB! Im Duell der Fussballsupergiganten kriegt der Schwarzgelbe »dä Füfer und s’Weggli«, bzw. den Sieg und das Sandwich, und der Rotblaue streckt sich vergebens nach dem Ball. Just in dem Moment erinnerte ich mich an die Pressekonferenz vor der Partie, äh, der Gala. Massimo Furlan wurde dort als zukunftsgerichtet beschrieben. Ich hatte zu jenem Zeitpunkt keine Ahnung, wie sehr das stimmt! Er ist ein Seher. Ein Prophet. Und Fussball und Kultur ist doch nicht so weit auseinander, wie man immer denkt.
Und wenn Sie nun meinen, das sei arg weit hergeholt und zu nonchalant, ist mir das einerlei. Denn, wie Sie wissen ja: Ich bin der Chronist!

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