— Renato Kaiser

Säuli für alle! AV 2020

Für alle, die wissen wollen, was ihre stabile Tante mit der Altersvorsorge 2020 zu tun hat und für alle, die noch nicht abgestimmt haben. Hopp hopp! Warum ich zwei Mal ja sage, erzähl ich Euch im Text unten:

Sodeli! AV 2020! Super sexy Thema.
Klingt wie ein uralter Computer, mit dem dein grusliger Messi-Nachbar versucht hat, dich in sein Haus zu locken, was ihm nur nicht gelungen ist, weil du Angst vor seinen drei Hausleguanen hattest. Schwieriges Thema. Fast so schwierig wie die Rentenreform, über die wir dieses Wochenende abstimmen sollen. Und ich habe ehrlich gesagt wieder die Befürchtung, dass viele Leute nicht an die Urne gehen, weil sie die ganze Angelegenheit schlicht und einfach nicht verstehen. Ich habe jetzt mal versucht, mich so gut wie möglich in das Thema einzuarbeiten, damit ich all jenen ein bisschen helfen kann, die komplett überfordert sind. Also vor allem mir.

Denn ich muss ja gestehen, mich überfordert alles, was mit Geld und Ähnlichem zu tun hat. Und all die Begriffe, die damit zusammenhängen, waren mir lange völlig fremd. Pensionskasse, Vorsorge, AHV, vor allem AHV. Einen beträchtlichen Teil meines Lebens war ich ja Student. Und als Student ist man ja das pure Gegenteil von AHV: Der AHV-Rentner lebt vom Geld der Jungen. Und der Student lebt vom Geld seiner Alten. Und ganz grundsätzlich überfordert mich alles, was mit Zukunftsplanung zu tun hat, vollkommen. Wie ich schon einmal in einem Video gesagt habe: Nur schon die Vorstellung, dass im Jahr 2050 Grosseltern Yannick, Jessica oder Justin heissen werden, macht mich vollkommen wahnsinnig. Das ist ja nicht schlimm. Aber es wird passieren. So wie die AHV mal wirklich ein Thema wird, auch für mich. Bis zum magischen 27. Lebensjahr hat man ja als Künstler mindestens unterbewusst das Gefühl, man wird den Rockstartod sterben, wie es Jimi Hendrix, Kurt Cobain oder Amy Winehouse vorgemacht haben. Aber nix da, den Zug hab ich verpasst. Da säuft man vom ersten Blasmusikfest im Rheintal bis zum letzten Kreativfrühschoppen der Kulturkommission Oberhinterkleinpimpelfingen die Backstagekühlschränke leer und dann ist man 28 und doch nicht tot, sondern lebt (halbwegs) und hat keinen Fame, sondern Haarausfall. Auch das passiert. Und weil das alles passiert und weil ich in nächster Zeit nicht vorhabe, beim Strangulationsfetisch in irgendeinem schäbigen Hotelkleiderschrank dahinzuscheiden, muss ich mich mir halt Gedanken um die Zukunft machen, ob ich will oder nicht. Und in der Zukunft wohnen dann nicht nur Oma Aurora, Oma Samira und Opa Liam, sondern eben auch Opa Renato.

Und Opa Renato will AHV! Und Opa Renato will nicht nur AHV für sich, sondern AHV für alle. Und darum bin ich für die AV2020. Fertig! Tadaa!

Hm…

Schön wär’s. So einfach ist es eben nicht. Aber ich versuche es, so einfach wie möglich zu machen. Grundsätzlich kann ich schon mal vorausschicken: Ich bin dafür, dass wir nicht nur für uns selbst, sondern für uns alle sorgen. Ich bin für sozialen Ausgleich und für eine wirkliche Umverteilung, sodass nicht nur jene Menschen einen schönen Lebensabend verbringen, die selbst dafür sorgen können, sondern eben auch die, die Schwierigkeiten haben. Das betrifft die ärmeren Schichten der Bevölkerung und, Stand jetzt, eben auch die Frauen. Darauf komme ich nachher noch zu sprechen.

Vorneweg: Das System ist grundsätzlich ziemlich super, sozusagen. Geil geil geil mit Abstrichen. Auf einer helvetischen Emotionsskala von “nä-ä Du” bis “i finds lässig” ein kehlig gebrummtes “momoll!”

Denn: Wir haben uns mal darauf geeinigt, dass alle in der Schweiz von allem, was sie erwirtschaften einen Teil direkt an jene abgeben, die nichts mehr erwirtschaften, eben an die Pensionierten. Die Arbeitgeber*innen zahlen einen Teil, die Arbeitnehmer*innen zahlen einen Teil, automatisch abgezogen, zaggbumm, tut fast nicht weh. Und die Rentner*innen sagen merci (die meisten sind ziemlich nett) und fahren mit dem Reisecar gemütlich nach Meran oder stürzen sich in ihrem fünften Frühling im Wingsuit die Berner Alpen hinunter. Soll ja jeder und jede den Herbst des Lebens so gestalten, wie er und sie mag. Schliesslich werden die biodynamischen Alten, leinsamenölgeschmiert und poweryogagestärkt, ewig leben. Mindestens so lange, bis man sich auf eine genderneutrale Formulierung geeinigt hat, die nicht wie “*innen*” so quer im Mund liegt wie ein ungewürzter Block Tofu.
Das ist die 1. Säule. Also nicht der Tofu. Der ist ja nicht einmal das 1. Säuli! Hahaaa! Ganz im Gegenteil! Katsching! Tschuldigung.

Apropos Katsching – zurück zum Geld:
Und dann gibt es eben noch die zweite Säule, die funktioniert eigentlich genau gleich wie die erste: Deine Arbeitgeberin zahlt ihren Teil und Du als Arbeitnehmerin zahlst Deinen Teil (ich verwende ab jetzt der Einfachheit halber nur noch die weibliche Form, die Männer sind natürlich MITGEMEINT, zwinker zwinker). Das Ganze wird aber nicht direkt an alle ausgeschüttet, sondern eingezahlt, aufbewahrt und dann bei der Pensionierung Dir ausgezahlt und nur Dir. Dein ganz persönliches Sparschwein.

Moment. Sparschwein. Ha! Viel besser! Wieso kam man eigentlich je auf die drei Säulen? Eigentlich sind es die drei Säuli! Sparsäuli! In das erste Säuli zahlen alle was ein und alle dürfen was rausnehmen. In das zweite Säuli zahlst nur Du ein und auch nur Du darfst was rausnehmen. Und das dritte Säuli ist dann die sogenannte Privatvorsorge, die ist freiwillig, mit der kann man Lücken füllen und eigene Wünsche und Projekte verwirklichen. Das ist deswegen nicht einfach nur das Luxus-Säuli, aber man kann schon sagen: Das ist jenes Säuli, das keinen Lärm macht, wenn man es schüttelt, weil nur Nötli drin sind.

Die Rentenreform AV 2020 will nun die AHV stärken, weil sie findet, die AHV ist das wichtigste Säuli des Schweizer Sozialstaates. Daher sollen die Lohnbeiträge für die AHV erhöht werden, das heisst, die Arbeitgeberin und die Arbeitnehmerin soll künftig mehr Geld in das erste Säuli stecken. Dazu soll der Mehrwertsteuersatz von 8 Prozent auf 8,3 Prozent erhöht werden. Und das ist geil! Die Mehrwertsteuer wird auf alle Güter und Dienstleistungen erhoben und ein Teil davon geht an die AHV. Das heisst, egal, was konsumierst, Du hilfst immer alten Menschen. Einfach so nebenbei! Natürlich kannst Du immer noch aktiv einer alten Frau über die Strasse helfen. Du kannst Dir aber auch eine Pizza nach Hause bestellen und das System für dich arbeiten lassen! Pfadfinder im Home Office! Auch mit sinnlosesten Tätigkeiten hilftst Du der AHV, zum Beispiel mit rauchen. Wenn Du Zigaretten kaufst, zahlst Du dafür Mehrwertsteuer. Man kann also sagen: Mit jeder Zigarette, die Du rauchst, verkürzt Du zwar Dein Leben, finanzierst aber das lange Leben anderer. Ziemlich nobel von Dir! Und mit der Mehrwertsteuererhöhung eben noch mehr! Dank der AV 2020 müsste es dann eigentlich heissen: „Rauchen kann tödlich sein – und Renten sichern! Jetzt erst recht!“ Ich muss anmerken, dass das kein offizieller Slogan der Befürworter ist. Eine verpasste Möglichkeit, wenn Ihr mich fragt. Einmal kurz die Seele an die Tabaklobby verkaufen und schon müsste man sich nicht ständig darüber beschweren, dass die Gegnerseite so viel Geld hat! Aber ich schweife ab. Natürlich dürft Ihr auch einen Apfel essen oder eine Playstation 4 kaufen oder einen Fidget Spinner und Euch damit ins Koma zwirbeln, alles egal, Mehrwertsteuer zahlt Ihr eh und mit der Reform eben 0,3 Prozent mehr.

Im Gegenzug wird bei der Pensionskasse der Umwandlungssatz gesenkt, damit hat man weniger Rentenanspruch aus der Pensionskasse, das heisst: Das 2. Säuli wird ein bisschen schmaler. Und bevor Du jetzt losheulst, warum Dir das Mami Dein persönliches Sparsäuli versauen will und stattdessen das doofe Säuli für alle auffüllt („Säuli für alle!“ Auch ein schöner Slogan), denkt dran:
1. Das erste Säuli ist für alle, also auch für Dich.
2. Das Geld im zweiten Säuli bleibt nicht einfach da drin, bis Du es wieder rausnimmst, sondern landet in den Finanzmärkten und die haben sich in den letzten zehn Jahren ja nicht gerade als stabil erwiesen. Bildlich gesprochen schaut Deine Tante (Onkel sind auch mitgemeint) auf Dein zweites Säuli und ja früher klappte das auch wunderbar. Das Geld war bei ihr, sie war eine stabile Tante (wie es die coolen Kidz in den Streets sagen), alles schön. Aber in letzter Zeit riecht Deine Tante immer ein bisschen nach Gin, ist glückspielsüchtig und erklärt mit schwerer Zunge, dass schon alles gut käme mit Deinem Geld, man müsse nur dem Markt vertrauen und irgendwann merkst Du, dass sie Dich angelogen und Dein Geld stattdessen in eine Rüstungsfirma gesteckt hat. Ja, Deine Tante ist ziemlich krass.

Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber von der Tendenz her kann man sagen: Die AV 2020 sorgt dafür, dass mehr Geld direkt in die Altersvorsorge für alle gesteckt wird und damit auch direkt ausgeschüttet und weniger Geld in die Pensionskassen, wo das Geld jahrzehntelang in Finanzmärkten herumwandert, die gerade in den letzten Jahren ja vogelwild waren. Und vielleicht noch ein kleiner Nachtrag zu: Wo werden die Pensionskassengelder investiert? Weil ich selbständig bin, muss ich mich um all das ja selber kümmern und habe mich darum beraten lassen. Die Finanzberaterin hat mir dann etwa 9 verschiedene Pensionskassen aufgelistet und gesagt: „Bei der da hast Du die Konditionen, bei der da die, bei der da die, bei der da die, und ah ja, die hier, die PAX, die investiert das Geld in nachhaltige Unternehmen.“ Und ich so: „Ah! Oh. Aha. Ähm. Ja okay… Und… die anderen?“ Und sie so: „Ja ähm… nicht.“ Aber diese Pensionskasse da investiere das Geld ausschliesslich in Unternehmen im SMI-Index, sagte sie noch, also sozusagen nur in Schweizer Unternehmen. Und das fand ich gut. Und dann fragte ich: „Also auch… Nestlé?“ Und sie so: „Ja ähm… ja.“ Also Ihr seht, das mit den Pensionskassen ist nicht ganz unproblematisch. Dazu kommt noch, dass die Arbeitgeberin entscheidet, in welche Pensionskasse eingezahlt wird und die Arbeitnehmerin sich dem einfach fügen muss. Darum wissen auch die meisten nicht, wo ihr Geld so unterwegs ist, und wollen es oft auch gar nicht wissen, weil die Antwort vielleicht bitter und beschämend sein könnte. Sagen wir es mal so: Wenn man sich das zweite Säuli unter die Nase hält, riecht es ein bisschen ranzig nach opportunistischer Faulheit. Aber das ist ein anderes längeres Thema.

Dazu kommt, dass in die Teilzeitarbeit in den Pensionskassen nach jetzigem Stand schlechter versichert ist als die Vollzeitarbeit. Darunter leiden vor allem die Frauen, weil mehr Frauen teilzeit arbeiten als Männer und gleichzeitig den Grossteil der sogenannten Care-Arbeit übernehmen, die unbezahlte Pflege- und Betreuungsarbeit. Dies, weil das jetzige System auf einer veralteten Vorstellung basiert: Eine Familie besteht aus Vater, Mutter und Kindern, der Papi geht arbeiten und bringt die Brötchen nach Hause und das Mami kümmert sich um Haushalt, putzt die Wohnung, schaut auf die Kinder und irgendwann auch mal die pflegebedürftigen Eltern oder Schwiegereltern, etc. halt all das, was so viel Fun Fun Fun macht, dass man dafür auch kein Geld bekommt. Vielleicht verdient das Mami mit einem Teilzeitjob in der Dorfbibliothek noch etwas dazu, aber für die Pensionskasse bringt das nicht viel. Das heisst, die Frau ist vor der Pensionierung abhängig vom Lohn ihres Mannes und danach dann von seiner Pension. Jeee! Natürlich darf man so leben, das sei jeder selbst überlassen. Mit der Rentenreform würde die finanzielle Situation der Frau aber auch in so einer Konstellation verbessert. Und auch hier gilt, wie in der ganzen Diskussion um Lohngleichheit zwischen Mann und Frau. Dem Mann wird nichts weggenommen, der Frau wird etwas gegeben. Also heult nicht rum.

Wenn sich hier jemand überhaupt beschweren dürfte, dann die Frauen. Und das tun sie auch ein bisschen. Denn als Kompromiss wurde dafür das Rentenalter der Frau von 64 auf 65 erhöht. So gibt es zum Beispiel auch einige Linke, die sagen: Solange die Frauen nicht den gleichen Lohn erhalten wie die Männer, sollen sie sicher nicht auch noch länger arbeiten. Ich verstehe die Reaktion an sich, und stimme grundsätzlich auch zu, finde sie aber zu kurzsichtig, um deswegen ein Nein in die Urne zu werfen. Denn ja natürlich wäre es schön, wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der Frauen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekämen wie Männer, die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten und gleich häufig in Führungspositionen vertreten wären. Einfach gesagt: Damit sich auch wirklich die Hälfte der Bevölkerung angesprochen fühlen darf, wenn ich von Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen spreche. Das ist das Ziel und daran gilt es weiterzuarbeiten, völlig einverstanden. Aber können wir bis dahin nicht schon mal die Situation jetzt gerade verbessern? Denn so wie ich unsere Gesellschaft, die dominanten konservativen und neoliberalen Kräfte im Parlament und die weinerlichen Männerrechtler dieser Nation einschätze, wird das noch ein harter, langer Kampf. Lasst uns doch bis zu dem Moment der tatsächlichen Lohngleichheit zwischen Mann und Frau an allen Fronten gegen die Benachteiligung der Frauen kämpfen. Auch wenn man ab und zu einmal einen Kompromiss in Kauf nehmen muss, wie eben die jetzige Erhöhung des Rentenalters auf 65. Grade weil es bei einem Scheitern der Rentenreform durchaus passieren könnte, dass das Rentenalter 67 eintreten könnte.

Und damit wären bei denen, die wirklich rumheulen, nämlich die Gegnerinnen der AV 2020 (die Männer sind immer noch sehr mitgemeint). Nachdem jahrelang im Parlament diskutiert und gearbeitet wurde, dementsprechend von allen Seiten verschiedene Kompromisse eingegangen wurden und jetzt schlussendlich mit einer Mehrheit diese Reform vors Volk gebracht werden konnte, schiessen die Gegnerinnen jetzt wieder aus allen Rohren. Und dabei widersprechen sie sich, schon bevor sie überhaupt zu ihren Argumenten kommen. Nämlich werfen sie den Befürwortern der AV 2020 vor Panikmache, zu betreiben. Die Reform sei nämlich nicht so alternativlos, wie man immer tue, sagen sie. Bei einer Ablehnung würde die Schweiz also auch nicht gerade untergehen. Und gleichzeitig hängen sie Plakate in der ganzen Schweiz auf, auf denen über besorgten Gesichtern in grossen Buchstaben steht: „Junge verraten. Rentner bestrafen. AHV-Scheinreform NEIN“. Da frag ich mich doch: Wer will jetzt da genau Panik verbreiten? Und was ist das überhaupt für ein Vorwurf? Als ob die Befürworter sich auf einer geheimen Bösewicht-Insel zusammengerottet hätten, mit einer wuchtigen Wagner-Simphonie im Hintergrund, den Zeigefinger auf dem roten Knopf und den kleinen Finger im Mundwinkel und dann gesagt hätten:

Bösewicht 1: „Lasst uns die Jungen verraten!“
Bösewicht 2: „Ja genau, geil!“
Dr. Evil: „SO EIN SCHEISS DAS REICHT MIR NICHT!“
B:„Alter, was ist den mit Dir los?“
Dr. Evil: „JA HABT IHR DENN KEINE VISIONEN? LASST UNS AUCH NOCH DIE ALTEN BESTRAFEN!“
B: „Brillant! Und all die dazwischen?
Dr. Evil: „DIE KRIEGEN WIR AUCH NOCH MUUUUAAHAHAHAAA!“

Eigentlich könnte man da auch ehrlicher sein in der Gegenkampagne. Einfach einen Clip von Pinky and the Brain nehmen, den einen mit dem Roten Stern kennzeichnen, den anderen mit Hammer und Sichel und dann abspielen lassen:
„Hey Brain, was wollen wir denn heute Abend machen?“
„Genau das selbe wie jeden Abend, Pinky. Wir versuchen die Weltherrschaft an uns zu reissen! Und mit der AHV fangen wir an!“

Und dass sich das Komitee der „Generationenallianz gegen die ungerechte AHV-Reform“ zum Anwalt der Jungen und Alten aufschwingt, ist spätestens dann ein Hohn, wenn man sich deren Besetzung einmal ansieht. Sie besteht fast nur aus SVP und FDP. Also eben aus genau jenen Parteien, die schon seit Jahren am Stuhl der AHV sägen und, wie gesagt, unter anderem das Rentenalter auf 67 erhöhen wollen. Dabei finden heute schon Leute ab 50 kaum mehr einen Job. Und wenn man sich die Entwicklung der Maschinisierung und Digitalisierung anschaut, wird sich dahingehend ohnehin noch einiges verändern. Und ja, ich weiss, es ist langweilig, die SVP zu kritisieren. Aber solange die SVP mit ihrem Blödsinn nicht aufhört, höre ich auch nicht auf. Denn ich finde, an dieser Stelle sollte man mal kurz in sich gehen und ganz meditativ auf sich wirken lassen, dass SVP-Mastermind Christoph Blocher mit der AHV in den 80er Jahren sogar an die Börse wollte (soviel zu Deiner stabilen Tante beim Glückspiel). Und in ihrem aktuellen Positionspapier fordert die SVP die Abschaffung der AHV. Ohne Witz. Und der Gipfel der Scheinheiligkeit ist dann erreicht, wenn sich diese selbsternannte „Generationenallianz“ auch noch zum Schutzpatron der Armen und Schwachen macht. Wisst Ihr, so wie der St. Martin, einfach mit einer Villa am Berg und dem Glauben an die freie Marktwirtschaft im Herzen. Sie sagen: „Jeder Franken, den die Bedürftigen zusätzlich aus der AHV bekommen, wird ihnen bei den Ergänzungsleistungen wieder abgezogen.“ Eine Argumentation, die sich mir nicht erschliesst. Schliesslich sollte es ja genau das Ziel der AHV sein, so gut dazustehen, dass die Betroffenen weniger Ergänzungsleistungen brauchen. Denn Ergänzungsleistungen müssen beantragt werden. Auf der einen Seite ist das für die Betroffenen nicht nur mühsam, sondern auch ein bisschen peinlich, weil man sozusagen „betteln“ gehen muss. Und auf der anderen Seite sind es gerade Politikerinnen der FDP und SVP, die im Parlament ständig auf Kürzung der Ergänzungsleistungen pochen.

Und die sagen jetzt: Die Reform gehört abgelehnt. Ja und dann? Ja dann hätte man nochmal Zeit eine ganz neue obertolle supidupolino Spitzenreform zu erstellen, sagen sie. Wie die aussehen soll, darüber verlieren sie kein Wort. Und solange sie nichts darüber sagen, gehe ich von dem aus, was ich schon weiss (siehe oben) und ich muss sagen, auf der helvetischen Emotionsskala von „chamer au so gsee“ bis „bisch aigentli no ganz bachä?“ ist das für mich ein zutiefst neutrales „also verarschä chani mi au selber hä.“

Kurz zusammengefasst:

Wir haben also auf der einen Seite eine Rentenreform, die vorhat, die AHV zu stärken, dass man mehr Geld direkt an alle AHV-Bezügerinnen ausschüttet und weniger Geld in die Pensionskassen (und in die Wirren der Finanzmärkte) steckt, die Pensionierung an sich zu flexibilisieren und die Rentenversicherung von Teilzeitarbeit zu verbessern, was schlussendlich vor allem auch den Frauen zu Gute kommt, mit dem Abstrich, dass das Rentenalter bei Frauen von 64 auf 65 erhöht wird. Und auf der anderen Seite haben wir das Gegenkomitee, das sagt, dass das alles nicht klappt, nicht klappen kann und dass man eine ganz neue Reform auf die Beine stellen müsse, ohne aber eine wirkliche Alternative zu bieten.

Aus all diesen Gründen stimme ich zweimal Ja zur Altersvorsorge 2020. Damit sind natürlich noch nicht alle Probleme dieses Systems auf einen Schlag gelöst, natürlich nicht. Wir werden immer und immer wieder über die AHV reden müssen, gerade eben, weil sich unser Verhältnis zur Arbeit nicht nur schon bis jetzt massiv verändert hat, sondern in nächster Zukunft auch noch massiv verändern wird. Und in dieser Entwicklung ist die AV 2020 schon mal ein wichtiger Anfang und meiner Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung.

***

Puh. Ich gratuliere all jenen, die das bis zum Ende durchgelesen haben. Ich habe jetzt, nachdem ich das runtergeschrieben habe, das Gefühl, besser über die Reform Bescheid zu wissen. Vielleicht hat es dem einen oder anderen von Euch auch was gebracht, wer weiss. Aber eigentlich hab ich das nur für mich gemacht. Opa Renato schaut nur für sich.

Am allerwichtigsten ist es auf jeden Fall, dass Ihr alle abstimmen geht, dazu rufe ich gerne auf. Wie Ihr stimmt, ist immer noch Eure Sache. Ich leg mich jetzt erstmal hin und krieg kurz ein Schlägli. Gopf, war das streng.