— Renato Kaiser

Erleuchtung

 

Echt frei werden von Schuldgefühlen!

Ich hatte ja keine Ahnung von Christian Fellowship Bern, nicht die geringste. Ich kannte die nicht einmal und hatte dementsprechend keine Meinung zu ihnen. Hätte man mich je auf sie aufmerksam gemacht, hätte ich wahrscheinlich abgewunken. Wieder so eine Sekte, wieder so ein Verein, nur ein weiterer Haufen von heimtückischen Seelenfängern, die hilf- und hoffnungslose Menschen mit ein paar Bibelsprüchen in emotionale und finanzielle Abhängigkeiten drängen wollen, hätte ich mir gedacht. Lügner, Verbrecher, pfui pfui, pfui. Aber! Jetzt kommt das grosse aber: Ich habe mich noch nie mit denen unterhalten. Noch nie! Nicht gerade eine gut recherchierte Grundlage für meine bisherige Einschätzung! Und nun kam es endlich dazu: Ich habe mit ihnen geredet. Und was soll ich sagen: Ich bin erleuchtet.

Aber alles der Reihe nach. Ich gehe also aus dem Haus, um meinem Neffen ein Geschenk zu besorgen. Dabei telefoniere ich mit einer Freundin, und zwar mit diesen Steckern in den Ohren, sogenannten in-ear-Kopfhörern, die man sich so richtig tief ins Ohr schraubt. Während ich über die Strasse gehe, höre ich also nichts ausser ihre Stimme, meine Stimme und plötzlich das „Hey!“ eines Radfahrers, der um die Ecke rast, ganz knapp an mir vorbei und dann ein bisschen langsamer weiter, damit er genug Zeit hat, mich vorwurfsvoll und wütend anzuschauen. Ich schaue nur trotzig zurück und spiele mit dem Fahrradfahrer das Wer-schaut-zuerst-weg-Spiel. Er verliert, weil die nächste Kreuzung kommt. Ein kleiner Triumph.

„Was ist los?“ fragt die Stimme am Telefon und ich antworte ihr:

„Ah, nichts nichts, da war nur so ein Arschvelofahrer. Ich bin halt in die Strasse reingetreten, ohne zu schauen, aber ja, Du weisst ja wie es hier ist, direkt vor dem Wylereggladen, das ist ja fast Fussgängerzone und ja…“

„Aber man sollte schon schauen, wenn man auf die Strasse geht, gell!“ sagt sie mit Schalk in der Stimme.

„Jaja, klar, er hatte ja Recht, aber ja, er muss ja nicht gleich so… Also ich meine… Weisst Du, er war eben genau so einer, der das von weitem schon sieht, oder, und statt auszuweichen und es gut sein zu lassen, fährt er extra nah ran und motzt rum, so einer halt.“

„Ja schon. Aber als Velofahrer ist es halt schon mühsam, wenn Fussgänger einfach so in die Strasse reingehen ohne zu schauen.“

„Jaja klar, aber-”

„Weil wenn man dann als Velofahrer den Fussgänger streift oder anfährt, ist der Velofahrer immer schuld und-”

„Aber das hab ich doch gar nicht gesagt! Natürlich ist der Fussgänger schuld, logisch. Was erwartest Du jetzt von mir? Nur weil Du Dir einreden lässt, dass Du schuld bist, wenn Du…“

„Ich lass mir gar nichts einreden.“

„Ich sag ja nur!“

„Weisst Du was? Ist gut. Lassen wir’s.“

„Ja, lassen wir’s. Tschüss.“

„Tschüss“.

Ich bin aufgewühlt, fahre weiter im Bus Richtung Bahnhof Bern, frage mich, was das jetzt sollte, zerbreche mir den Kopf darüber und fühle mich langsam aber sicher schlecht gegenüber der Freundin, die ja recht hatte und gegenüber dem Radfahrer, der ja auch recht hatte, rege mich auf, dass ich so reagiert habe, steige aus dem Bus, überquere die Strasse (bei Grün, ohne Stecker im Ohr, bravo) und laufe auf dem Bahnhofsplatz prompt den Leuten von Christian Fellowship Bern in die Arme. Und weil ich immer noch genervt bin, lass ich mich zu jener kindischen Aktion hinreissen, die ich immer durchführe, wenn ich solche Gruppierungen auf offener Strasse treffe. Ich lasse mir vom ersten einen Flyer in die Hand drücken, bedanke mich, gehe weiter, auf den nächsten zu, lächle freundlich und zerknülle den Zettel dann so offensichtlich, dass der dann sagt: „Guten Tag, dürfte ich Sie- ach so.“ Ein kleiner Triumph.

In diesem Falle ist mir aber etwas vor dem Zerknüllen aufgefallen, dass mich den Flyer wieder auffalten lässt. Es war nicht das irre Versprechen „Echt frei werden von Schuldgefühlen!”, auch nicht die Bibelstellen, die das unterstreichen und auch nicht die übliche Polemik gegen Abtreibungen, sondern folgende Passage:

„Vor zwei Jahren brachte sich der damalige Swisscomchef um. Offenbar plagten ihn starke Schuldgefühle, weil er sich wegen einer anderen Frau von seiner Familie getrennt hatte“.

Boom! Ich bin angewidert und erstaunt zugleich und von dieser allumfassenden Ignoranz euphorisch fasziniert.

Also komme ich wieder zurück und spreche den einen darauf an, ob sie das ernst meinen und ob es sonst noch geht und woher sie das überhaupt wüssten und ob sie nicht ganz bei Trost seien und was das denn überhaupt heissen soll, dieses „offenbar“ und ob sie wirklich der Meinung sind, dass das ok wäre und so weiter und so fort. Ich befinde mich in einer Art freudig furioser Rage, und kann nicht aufhören auf den Mann einzureden. Der wiederum stottert und stammelt und stimmt mir zu und vermittelt mich an seinen Chef, als hätte ich gesagt „ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen“, was ich vielleicht auch gemacht habe, kann sein, wer weiss, aber wenn, dann hätte ich damit Jesus Christus höchstpersönlich gemeint (den würde bestimmt interessieren, was da unter seinem Label getrieben würde) und nicht den Stargast-Pastor vom Flyer, dem ich jetzt offensichtlich vor die Nase geschoben und gleichzeitig gefragt werde, ob ich auch Englisch könne. „Of course!“, erwidere ich: „Of course!“ Scheiss auf meine urschweizerische Schwäche, eine Fremdsprache nur dann zu sprechen, wenn ich sie perfekt und akzentfrei zu beherrschen meine, pah! Bring it on! I’m on fire! Ich befinde mich in der heiligen Trance des „What the Fuck“, nur her damit! Also sagen ihm das alles auch nochmal und er nickt und nickt und nickt und sagt, dass das ja nur deren Meinung sei und ich sage, dass deren Meinung aber nunmal nicht so wichtig sei wie die Würde eines Menschen, der sich nicht einmal mehr wehren könne und er fragt mich, ob ich es denn besser fände, wenn sie klar schreiben würden, dass es nur ihre Meinung sei und ich sage nein nein nein, macht es einfach nicht und er schaut mich an und ich schaue ihn an und dann frage ich ihn:

„Sie reden über Schuldgefühle. Und wie man davon befreit werden kann. Und dafür nehmen sie das traurige Schicksal eines echten Menschen und seiner Familie und benutzen es für Ihre eigenen Zwecke. Haben sie dabei keine Schuldgefühle?“

Und ich schaue ihm in die Augen und sehe: keine Schuldgefühle! Nicht einmal einen Hauch. Oh Lord! Halleluja! Das CF Bern hat nicht gelogen. Es macht wirklich frei von jeglichen Schuldgefühlen.

Ich möchte mich an dieser Stelle beim Christian Fellowship Bern bedanken. Denn ich habe etwas daraus gelernt. Schuldgefühle zu haben, weil man einem Radfahrer in den Weg latscht oder weil man eine Freundin völlig zu Unrecht anschnauzt: Das alles ist was für Anfänger. Da kann man sich entschuldigen und gut ist. Aber was richtige Schuldgefühle angeht und wie man sich davon komplett frei machen kann, lässt man lieber die Profis vom CF Bern ran.