— Renato Kaiser

In der Zukunft abgehoben, in der Schule gelandet / Ode an Christian Weiss

Tja, so schnell kann es gehen…

… da hatte man gerade noch einen wunderschönen, umjubelten Auftritt bei “Comedy in der Zukunft”, die Zuschauer hingen an meinen Lippen, sie lachten, wo zu lachen, sie schwiegen, wo zu schweigen war und sie gaben mir das Gefühl, ich sei der leuchtende König der Intelligenz.
Nur wenige Stunden später, am Morgen danach hielt ich einen Schulvortrag über Poetry Slam an der Berufsbildungsschule Winterthur und die Schüler hingen in ihren Stühlen, sie lachten wo zu schweigen, sie schwiegen, wo zu lachen war und sie gaben mir das Gefühl, ich sei der dunkle Overlord der Idiotie.

Selbstverständlich übertreibe ich (selbstredend beiderseits), aber trotzdem: Die Schüler gaben mir völlig zu Recht zu verstehen: “So, jetzt zeig mal, was du kannst, du Schmutz!” Und trotz jener unumstösslichen Coolness und unverwechselbaren Kaltblütigkeit, die nur Jugendlichen eigen ist – zumindest bis sie ihnen irgendwann die Welt, der Chef, die Steuerbehörde oder die erste Liebe wegnimmt, abnagt und zerkaut und geschunden vor die neusten Nike-Sneakers spuckt – wage ich zu behaupten, einige unter ihnen für das Thema interessiert zu haben. Spätestens als ich in einem Text “Figg di” gesagt habe, vermeinte ich ein leichtes Zucken des einen oder anderen Mundwinkels unter den beneidenswert beindruckend wuchernden und in Form gefrästen Bartfrisuren erkannt zu haben.

Wie dem auch sei. Der Abend zuvor bei der “Comedy in der Zukunft” war ohne wenn und aber eine grosse Freude. Der Klub eignet sich offensichtlich nicht nur dafür, vier Uhr morgens stockbesoffen zu stupidem Elektro an Ort und Stelle im Kreis zu schwanken wie ein Stehaufmännchen, mit dem keiner so recht spielen will, sondern auch für ein wunderbares Comedy-Format. Der Klub war voll besetzt, der Zukkihund ist ein feiner Kerl mit Jacket, Hundeohren und buschigem Schwanz, das Publikum offen und aufmerksam und die Kollegen Andreas Thiel und Christian Weiss waren herz- und hirnerwärmend grandios. Da Andreas Thiel ja bereits völlig zu Recht in Fame badet wie sein flamingöser Irokesenkamm jeden Morgen in Holzleim und rosa Spachtelmasse, erlaube ich mir an dieser Stelle auf den wunderbaren Christian Weiss zu verweisen. Er ist nicht nur das unhaarigste Drittel der ansonsten äusserst haarigen Superband “Heinz de Specht”, sondern auch ein bemerkenswerter Solokünstler. Auch gestern wieder hielt er die Fahne der Liedermacherkunst (die in der Schweiz immer noch zu wenig Wertschätzung erfährt) hoch und das in einer intelligenten, sarkastischen, tragikomischen, ernsthaft humoristischen und angenehm anarchistischen Schönheit, die nur entstehen kann, wenn der Künstler sowohl seine Arbeit als auch sein Publikum nicht nur gern hat, sondern auch ernst nimmt. Sowohl die begeisterten Zuschauer in der Zukunft von gestern als auch ich kann Euch also nur empfehlen, den Mann mal genauer unter die Lupe zu nehmen, was Ihr hier und hier tun könnt.

Und damit Ihr ihn auch auf der Strasse erkennt, um ihm zu huldigen und Eure Töchter und Söhne anzubieten: Auf den Fotos unten ist er der mit der Glatze, der nicht ich bin.

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