— Renato Kaiser

Berlin Kolumne 4: Aber schön war es doch

Aber schön war es doch

Bald ist alles zu Ende. Das jüngste Gericht kommt. Die Apokalypse steht bevor. Oder: mein Aufenthalt in Berlin befindet sich in der Schlussphase. Ich bin wahrlich kein Mensch, der allzuviel bereut und gleichzeitig aber auch einer, der sehr viel vergisst. Jedoch: Berlin nicht zu bereuen, bzw. Berlin zu vergessen ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Genauso unmöglich ist es gleichzeitig, jemandem, der nicht in Berlin ist, klarzumachen, warum Berlin so schön ist. Lassen Sie es mich bitte einfach mit dem Anfang eines Gedichtes erklären, welches ich hier in Berlin geschrieben habe.

Ich habe mir auf bunten Feten
die Füsse wundgetreten,
mich darauf konzentriert in heftigem Masse den Schlund zu löten,
die Fetenfreunde mit Diskussionen über Gott und die Welt mit meinem Mund zu töten,
und dazu war nicht einmal ein Grund von Nöten.
Ich habe meine Leber wie andere einen Hund getreten
und ab und zu einen im Park um ein Pfund gebeten,
weil wenige Gramme
nicht reichen,
um ewig zu stammeln.
Weitere Erfahrungen habe ich eh nicht gesammelt,
denn ich bin in Berlin, ich habe heftig und stetig gegammelt,
und das war nie schlimm,
denn irgendwie hat Berlin
es mir ständig verziehn.
Ich dachte einmal dass Wien mich zerstört hätte.
Denn Wien gab mir Schnitzel, Übelkeit und einen Hexenschuss.
Nach Berlin gibts nix was übrigbleibt, ausser der eine oder andere Hexenkuss.
Ich weiss nicht, was hier der nächste muss,
aber ich muss schlafen, oh Gott muss ich schlafen.
Ausser jemand kommt mit Bier vorbei,
um mich noch ein klein wenig länger zu strafen, oh weh.
“Und ich bin zu müde um schlafen zu gehen”.
Ist Berlin doch die Stadt, die da nie schläft,
und meine Zeit hier fühlt sich an wie ein Best Of Album von Hildegard Knef.

Natürlich: Vieles davon ist nicht wahr und sehr oft auch dem Reim geschuldet. Und Gedichte sind selbstverständlich immer pure Fiktion. Immer! (Darum jetzt auch ein paar kleine Einsichten auf mein weiteres Schaffen hier.) Denn – stellen Sie sich vor – ich habe nicht nur gefeiert und übers Feiern geschrieben. Ich hatte auch Auftritte, habe Poetry Clips gedreht und viel geschrieben.

( fast jeden dritten Abend einen Auftritt, war zudem für Slams drei Tage in Wien, drei Tage in Norddeutschland und habe Texte geschrieben und Filmchen gedreht, die ich für mein neues Soloprogramm benutzen werde.)

Aber – man muss schon sagen – das alles eher so nebenbei. Hauptsächlich habe ich Berlin genossen. In vollen Zügen. Und damit sind nicht nur Atemzüge gemeint. Und ich muss gestehen: gerade jetzt bin ich tatsächlich wehmütig. Aber das lasse ich gerne zu und – da ich weiss, dass ich auf jeden Fall immer wieder nach Berlin zurückkehren werde – schliesse ich in diesem Sinne auch herzlich gerne mit einem Refrain der bezaubernden Hildegard Knef:

“Aber schön war es doch,
aber schön war es doch,
und ich möcht es noch einmal erleben.
Dabei weiss ich genau,
dabei weiss ich genau,
sowas kann es doch einmal nur geben”

Ach ja, zum Bild. Mein Freund und Slam-Kollege Björn Dunne hat es geschossen. Es ist mein Lavabo mit einem aufgeklebten Herzchen. Ein passenderes Bild für mein Berlin und diese Kolumne gibt es nicht.

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