— Renato Kaiser

Berlin Kolumne 3: Die Yuppies und die Eingeborenen

Die Yuppies und die Eingeborenen

Man könnte ja meinen, dass sich ein Schweizer in Berlin ein bisschen fremd vorkommt. Hier sagen sie “Ich kriege noch n Bier” anstatt “Ich hätte gern noch ein Bier”, die Parties beginnen erst dann, wenn der anständige Schweizer (ob Zürcher Partygänger anständige Schweizer sind, darf jeder für sich selbst entscheiden) bereits im Bett liegt und die Kühe zählt und – oh Schreck, oh Schreck – sie sind in der EU. Das einzige was hier der neutralen Haltung der Schweizer nahe kommt, ist der Geschmack von Edammer und ähnlichen Käsenachbildungen, die sie höchst sorgfältig in kaum zu öffnende Plastikverpackungen stopfen, auf denen dann hämischerweise “wiederverschliessbar” draufsteht. Dies sind jedoch nur Details, schliesslich fühle ich mich hier sehr wohl. Die Berliner haben nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Schweizer, und sie ereifern sich erstaunlich selten darin, mich mit einem breiten Grinsen und einem “Hopp Schwiz” oder “Grüezi” an meine Herkunft zu erinnern. Dafür haben sie auch schlicht und einfach keine Zeit, da sie ebenjene hauptsächlich dafür nutzen, sich über Zugezogene und Yuppies aufzuregen. Zumindest in Friedrichshain, dem Stadtteil, in welchem ich zur Zeit wohne. “Hier waren früher überall noch Punker und feine Menschen”, echauffiert sich Jule, die Kellnerin in meiner Stammkneipe, welche noch eine der letzten Hochburgen des “wahren Friedrichshain” zu sein scheint. Sowohl Jule als auch der “Toaster”. “…Und jetzt rennen überall nur noch diese Yuppies mit ihren Stoffbeuteln und Plastikgestellbrillen rum!” Schrammi und Mike, meine neu gefundenen Freunde und alteingesessenen Stammgäste, nicken ihr über das halbvolle Bierglas zu. Die Altberliner regen sich über die Gentrifizierung auf. Ein Vorgang, unter dem schon andere Viertel wie Prenzlauer Berg, Neukölln und Kreuzberg zu leiden hatten oder haben. Eher unattraktive Viertel mit leerstehenden Wohnungen und tiefen Mitpreisen werden zuerst von Kulturschaffenden und ähnlichen Freigeistern besiedelt. Dadurch, dass diese dann Kneipen, Konzerträume und Restaurants eröffnen, wird das Viertel attraktiv, die Preise steigen und die “Eingeborenen” oder auch junge ärmere Künstler von aussen können sich nicht mehr leisten, da zu wohnen und ziehen in ein anderes Viertel. Punkkneipen werden zu Cocktailbars, statt mit einer Flasche Bier rennen die Menschen mit Kinderwägen herum und die Currywurst wird mit einer Stoffserviette serviert. Der Höhepunkt wird dabei meistens dann erreicht, wenn eine junge Doktorandin ins Viertelszentrum zieht, direkt über eine langjährige heiss kochende Konzertkneipe und sich dann so lange über den – für sie seltsamerweise überraschenden – Lärm beschwert, bis die Kneipe ab 22 Uhr keine Liveband mehr spielen lassen darf. Ein Vorgang, den ich eigentlich nur in der Schweizer Provinz für möglich hielt (ich erinnere ungern an Rorschach und das Hafenbuffet) – Die Schweiz und Berlin haben also doch etwas gemeinsam. Folgendes jedoch wäre hingegen in Rorschach nicht möglich gewesen: Die Betreiber der Bar hielten sich an die Abmachung – und zwar indem sie die Bands dann um sechs Uhr morgens spielen liessen. Und wie oben erwähnt sind die Berliner dann etwa auch in bester Festlaune.
Da auch ich dem nächtlichen Treiben nicht abgeneigt bin und mit dem Toaster ein letzter Rest Friedrichshainer Urkultur ein dreifaches Stolpern weit weg von meiner Haustür liegt, fühle ich mich hier auch nach einem Monat und damit nach der Halbzeit meines Aufenthalts bestens aufgehoben. Dieses Gefühl wurde spätestens im Badezimmer von befreundeten Berlinern bestätigt. Mit Freuden entdeckte ich da eine Zahnpastatube mit der Aufschrift “eurodont”. Und ich denke, jeder Schweizer, der diesen Begriff auf englisch liest und interpretiert, kann sich doch da nicht anders als geborgen fühlen…