— Renato Kaiser

Berlin Kolumne zwei: Deutsche raus

Halli Hallo meine Lieben, hier mit kleiner Verspätung meine zweite Kolumne aus dem schönen Berlin. Viel Spass!

Deutsche raus!

Der Berliner sagt von sich, er sei hart aber herzlich. Roh und unhöflich sei der Berliner, sagte mal eine Frau aus Winterthur zu mir (damit ist nicht Natalie Rickli gemeint). Und ich muss gestehen, auf den ersten Blick könnte man durchaus zu Recht letzterer Meinung sein. Als ich vor fünf Jahren das erste Mal in Berlin war, wurde ich entweder hart willkommen geheissen oder ich habe einfach nicht verstanden, was der Berliner unter herzlich versteht. Ich sass in der S-Bahn vom Flughafen zur Stadt, las Zeitung und betrachtete über den Seitenrand hinweg schüchtern meine Mitreisenden. Als mein Blick einen Mann gegenüber streifte, richtete dieser sich auf, schaute mich feurig an und fauchte: “Ey! Bist du schwul oder was?” Ich war einigermassen überfordert, sagte gar nichts und schaute weg, mit dieser”Geh weg, geh weg, ich bin gar nicht da”-Hypnosetaktik, die eigentlich nie funktioniert. Jenes Mal hat es jedoch geklappt. Der Mann stand auf jeden Fall auf und stampfte davon. Des Weiteren stellte er exakt dieselbe Frage daraufhin jedem zweiten Fahrgast, weshalb ich dann doch ein bisschen beruhigt war: Er schien offensichtlich eine statistische Erhebung machen zu wollen. Oder wollte einfach nur wissen, wer eigentlich wirklich schwul sei. Vielleicht war ich ja nur unnötigerweise verkrampft. Wer weiss, wie das Gespräch hätte weiterlaufen können:
“Ey, bist du schwul oder was?”
“Öhm. Nein.”
“Ach so! Ja dann… Schönen Tag noch!”
Wer weiss, wer weiss. Nun ist es jedoch so, dass man niemals alle Menschen einer Region über einen Kamm scheren sollte (damit ist nicht Natalie Rickli gemeint). Ja: Der Berliner ist roh, unhöflich, aber – sehr herzlich. Wenn er jemanden die sprichwörtliche “Berliner Schnauze” spüren lässt, dann mit einem Augenzwinkern. Es kann sein, dass man das Augenzwinkern erst nach mehreren Stunden und Bieren entdeckt, aber es ist da! Wirklich! Zum Beispiel im “Toaster”, der Rock’n’Roll-Bar fünf Meter neben meiner Eingangstür (ja, ich führe zur Zeit ein Leben voller böser Verlockungen). Als ich dieses bezaubernde Lokal das erste Mal betrat, sah sie irgendwie geschlossen aus, weshalb ich die Kellerin vorsichtig gefragt habe, ob die Bar denn überhaupt geöffnet sei. Die Antwort war: “Ja, ne, ich sitze hier einfach nur so zum Spass, weil ich Freizeit nicht mag.” Und daraufhin kriegte ich ein vorzügliches Bier und ein nicht minder erfreuliches Gespräch. Fast dieselbe Antwort hab ich dann Tage später und sehr spätabends auch von der Wirtin des Lokals gekriegt. Und weil diese Frau das charmante Augenzwinkern wie kaum eine zweite beherrscht, betrachte ich meine Beweisführung in dieser Angelegenheit als abgeschlossen.
Es gibt also nicht einfach nur DEN Berliner. Es gibt auch die Berlinerin. Quatsch. Aber: die Berliner sind ausgezeichnete Gastgeber und humorvolle Gesellen. Doch auch hier ist Verallgemeinerung unangebracht (und damit ist nicht…). Die Wirtin im Waschcafé zum Beispiel ist schlicht und einfach die unfreundlichste Person der Welt. Kein Augenzwinkern.
Nun kann man sich fragen: warum heisst der Titel der Kolumne “Deutsche raus”? Und was soll das Bild? Nun: Der Berliner hat wenig bis nichts gegen Türken, Araber oder Schweizer – aber gegen Deutsche. Zugezogene. Davon wird die nächste Kolumne handeln.
Und zum Bild: das erste, was ich bei der diesmaligen Ankunft gesehen habe, war ebenjenes Plakat. Meine Botschaft dazu: Ich habe nichts gegen Deutsche. Nur gegen jene, die mit schlecht imitiertem Akzent lausige Witze über Schweizer Klischees machen.
Und ich gebe zu: Der Titel ist nur deshalb so gewählt, damit auch Natalie Rickli eventuell diese Kolumne liest. Wer weiss, ob vielleicht mit einem Augenzwinkern…

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