— Renato Kaiser

Kolumnen aus Berlin – Berlin ist meine Terrasse

Kolumnen aus Berlin

Wie bereits erwähnt, wohne ich seit 3. Mai und bis 27. Juni in einer Künstlerwohnung in Berlin. Für das St. Galler Tagblatt schreibe ich Kolumnen in der Zeit. Die Kolumnen werde ich hier jeweils auch reinstellen. Viel Spass mit der ersten Kolumne aus Berlin.

Berlin ist meine Terrasse

Im Darkroom einer Schwulenbar bei mir um die Ecke ist eine Leiche gefunden worden. So wollt ich schon immer mal einen Text beginnen. Jetzt, da ich seit Anfang Mai in Berlin wohne, und obiges wirklich passiert ist, ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Dass diese Schwulenbar zynischerweise “Die Grosse Freiheit” heisst, ist nur eines von unzähligen Besonderheiten in Berlin, oder besser gesagt: in meiner Strasse. Denn: Nur wenige Meter weiter von der trügerischen “Grossen Freiheit” hat ein Wirt sein indisches Spezialitätenrestaurant auf den fragwürdigen Namen “Butthome” getauft. Ich wohne nun also in einer Strasse, in der Leute in Darkrooms sterben und Inder ihr Gasthaus “Hinternheim” nennen. Ich muss auch gestehen, dass ich bei dieser rektalen Koinzidenz ein wenig pubertär kichern musste.
Falls der geneigte Leser in diesem Moment noch nicht davon überzeugt ist, dass Berlin ein wenig seltsam ist, bzw. diese Kolumne her einigermassen fäkal daherkommt, kann ich sagen: Es kommt noch schlimmer. Oder schöner. Berlin ist schlimm schön und schön schlimm. Meine Wohnung beispielweise war wohl irgendwann mal ein Laden, sodass mein Schlafzimmer direkt in den Gehsteig mündet. Schön daran ist: ich kann mit Fug und Recht behaupten, Berlin sei meine Terrasse. Das schlimme daran: Bereits am zweiten Tag hat mir ein Hund vor die Türe gekackt. Ich interpretierte das einfach mal wohlwollend als “Willkommen in Berlin”.
Und willkommen fühle ich mich auf jeden Fall in dieser Stadt. Sie pulsiert mit der Frequenz einer Ska-Band, wummert wie härtester Elektrobass, und ist in etwa so gesund wie Lemmy von Motörhead. Und genau wie er wird Berlin nie untergehen. Ich würde ja gerne von mir behaupten, dass ich Berlin – wie es so schön heisst – aufsauge. Doch es ist vielmehr so, dass die Stadt mich aussaugt, aufsaugt, durchkaut und wieder ausspuckt – und das gefällt mir auch noch! Verrückt, sage ich doch. Natürlich ist Berlin aber auch nicht nur das Babylon meiner feuchten Träume. Ich bin auch joggen gegangen, hab Kaffee getrunken, geschrieben, gelesen, mich schon mit Dutzenden tollen Freunden, Slam-Kollegen und anderen Menschen getroffen und hab ab und zu auch kein Bier getrunken. Aber diese Normalität scheint eher die Ausnahme darzustellen. Du musst auf jeden Fall als Schreiber keine Geschichten erfinden, wenn du in Berlin wohnst.
Beweis gefällig? Nun, an einer Geburtstagsparty eines befreundeten Slammers wurde mir vergangenen Samstag ein Teile meines Schneidezahns ausgeschlagen. Aber nicht von einem Schlägertypen. Sondern von einem nackten, tanzenden Mann, der einen Gymnastikball nach mir warf, als ich eine Weissweinflasche ansetzte. Verrückt.

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