— Renato Kaiser

Thunkolumne 4: Die Fleischfrau und die Kassenfrau

Die Fleischfrau und die Kassenfrau

Liebe Küböfreufreu (Künstlerbörsenfreundinnen und -freunde). Jetzt kommen die schmutzigen Details. Diese Kolumne wird nicht im Thuner Tagblatt abgedruckt, sondern hängt nur hier an dieser Medienpinnwand im KKThun. Und im Internet. Wir sind also völlig unter uns.
Es waren zauberhafte Tage. Vor allem für mich. Ich kann jedem empfehlen, Künstlerbörsenchronist zu sein. Essen, trinken, schreiben – ein wunderbares Jobprofil. Und das Schönste daran war: sobald ich um 14 Uhr meine Kolumne abgegeben habe, konnte ich hemmungslos dem kulturellen Müssiggang frönen, zwar wie alle, jedoch mit dem tollen Gefühl, bereits “gearbeitet” zu haben. Der Job hat aber – wie so oft – auch Schattenseiten. Jeden Abend musste ich in der Late Night Bar bleiben, bis der letzte herauswankte, um ihn noch zu interviewen – als Chronist muss man schliesslich korrekt und allumfassend arbeiten. Manchmal war derjenige letzte auch ich selber. Ich hab ihn trotzdem interviewt, war aber irgendwie abgedroschen und langweilig. Und ausserdem: ich musste mich bei den Warteschlangen vor den Sälen ebenfalls hinten anstellen. “Ich bin Chronist, lassen sie mich durch!” zu sagen, hat auch nichts genützt. Dafür aber hat man genügend Zeit, um auch auf kleine Dinge aufmerksam zu werden, die auf den zweiten Blick welt- oder zumindest messenerschütternd sind. Es geht ums Essen, oder genauer um das Selbstbedienungsrestaurant vom Alpha Thun vor der “Piazza”. Mir war die Bezeichnung “14/19” unter dem “Steak vom glücklichen Schwein” (eine eindeutige ante-mortem-Beschreibung) nicht klar. Die Fleischfrau (die charmante Dame hinter der Fleischtheke, “Fleischfrau” ist nicht negativ gemeint, geschweige vom Äusserlichen abgeleitet, ich mag bloss das Wort. “Fleischfrau”, mmh…) erklärte mir dann (ja, hier geht der Satz weiter, tschuldigung), dass es dabei um kleine, bzw. grosse Portionen ginge. Auf meine Frage, wie man das denn regeln könne, da man sich die Beilagen ja nach eigenem Gutdünken mengenmässig auf den Teller schaufelt, antwortete sie: “Ach, das entscheidet dann die Frau an der Kasse jeweils!” Mein Blick wanderte zur Kassenfrau (siehe Begrifferklärung “Fleischfrau”) und ich erstarrte in Ehrfurcht. Was für eine Macht! Was für eine Entscheidungkraft! Aus anfänglicher Bewunderung wurde Angst und ein Hauch von Panik. Wie würde sie meinen Pommes-Frites-Haufen katalogisieren? Hab ich ein zu grosses Stück vom Glücksschwein abgekriegt? Und vor allem: Reichen meine Küböchroschmarobos (Künsterlbörsenchronistenschmarotzerbons)? Die drei Antworten auf die drei Fragen lauten: 1. Gross, 2. ja und 3. nein. Es reichte nicht. Ich musste ganze sieben Franken aus der eigenen Tasche bezahlen! Eine Frechheit! “Ich bin der Chronist” zu rufen, hab ich mich nicht getraut. Schliesslich hatte ich es mit der mächtigsten Frau der Künstlerbörse zu tun.
Ach ja, die schmutzigen Details der gestrigen Late Night Bar, also: Michael Elsener hat sich im Rausch den Kopf kahlrasiert, Dodo Hug hat ein Cello zertrümmert, Matto Kämpf hat getanzt und Manuel Stahlberger einen babyblauen Bären verprügelt. So habe ich es auf jeden Fall in Erinnerung. Bei den Musikkabarettistinnen “Edle Schnittchen” am Stand 18.53 gibts übrigens Absinth. Vielleicht liegts auch daran…